Im Buchladen

Ich war gestern wieder mal im Bücherladen und habe dort einen Blick auf die Spiegel-Bestsellerliste geworfen – es waren glaub ich, je 3 Bücher von Yuval Noah Harari und Richard David Precht drauf – dann mehrere von John Streleczky (Cafe am Rand der Welt – kenn ich gar nicht).
Ich bin irgendwie ziemlich entsetzt – kommen jetzt wieder die großen Welterklärer? Den Precht ertrag nicht, weil er mir als eingebildeter Selbstdarsteller vorkommt, der zu allem die Wahrheit kennt (ich glaub, den hab ich nie noch lächeln sehen – aber wenn man sehr wichtig ist, hat man wahrscheinlich wenig Spass im Leben)… den Harari kenn ich nicht. Ich habe einige seiner Bücher in die Hand genommen und durchgeblättert – und sie dann wieder weglegen müssen. Ich habe das manchmal, dass mich bei Büchern ein unangenehmes Gefühl beschleicht – beonders wenn ich den Eindruck habe da hat einer, so ganz unbescheiden: „die Wahrheit“ gefunden – die Menschheit-die Geschichte – wie sie ist und zu interpretieren ist und was die Zukunft bringt und dazu nötig ist. Ich hab gegoogelt und bei den Ergebnissen ist man sehr beiläufig und schnell bei rechtextremen Verschwörungstheorien, die mit angezeigt werden („Das dritte Auge der Menschheit“, kopp-Verlag; Eileen deRolf: Wir töten die halbe Menschheit- und es wird schnell gehen!) – und bei Jared Diamond (arm und reich, hab ich gelesen, toll). Die meisten Publikumsbewertungen waren toll – ein supertolles Buch eines der großen Intellektuellen unserer Zeit. Ich hab auch eine Rezension zu Hariri gelesen, die ich alarmierend finde (https://hpd.de/artikel/grosse-harari-verwirrung-14664) „Hpd“ ist der humanistische Pressedienst und der ist mir schon ein gewisser Gradmesser für kritisches Denken und ideologisches Schrifttum.

Nummer eins ist zur Zeit: „Corona Fehlalarm“ von Herrn Bakhti . Ja, das iss der, der auf youtube erklärt, dass Corona nur eine bessere Grippe ist.

Ich frage mich oft, an was es liegt, dass ich bei manchen Büchern ein spontanes Unbehagen spüre und bei anderen nicht. Ich erinnere mich an das Werk von Peter Frankopan: „Licht aus dem Osten – eine neue Geschichte der Welt“. Ich habe es geschenkt bekommen und mir war es spontan unheimlich. Es ist nicht unbedingt der Anspruch, denn ich habe schon tolle Bücher mit ähnlichen Anspruch gelesen. Es ist eher die „Umdrehung“ der Weltgeschichte – vom Westen zum Osten hin. Mir geht es nicht darum, den Blick zu nicht erweitern und von der eutrozentrischen Geschichtsschtreibung weg zu gehen, das ist bitter notwendig. Es ist eher der Duktus: „Eure Weltsicht ist falsch – meine ist richtig ich sage es euch, wie es war“, die aus dem Buch spricht. Da wird nix kritisch hinterfragt und analysiert – da wird eine neue Sicht implementiert. Statt dem :“es ist wichtig, einen globalen Blick auf die Entwicklungen der Welt zu erlangen“ das: In Wirklichkeit ist „der Osten“ dominant und wird dominieren, die „Dominanz des Westens“ ist nur ein Ausrutscher der Geschichte. Ich habe natürlich ein bisschen reingeschaut – vieles bleibt unhinterfragt (zum Beispiel die islamische Geschichte) und irgendwie geht mir die humanistische Sicht ab: Die Rolle und das Leiden der Menschen, da werden autoritäre Regime ziemlich unkritisch dargestellt. Wie gesagt, mir war es unheimlich und unsympathisch, ich habe es dem Reinlesen in ein paar Kapitel möglichst weit weg verräumt.

Naja – in großen Büchern über die Wahrheit ist eben kein Platz für (Selbst)Zweifel! Der Prophet hat die Wahrheit! (Vor allem die Propheten, die wissen, dass Corona ein Fake ist, Bill Gates die Erdbevölkerung durch Zwangsimpfung reduzieren will, dass die Erde hohl und ein Scheibe ist, dass die BRD nicht wirklich existiert und nur die Systemmedien und das glauben machen wollen,…) – ich weiß, das ist weit her geholt und unsachlich – aber  diese Gedanken steigen in mir auf.

Ganz anders ging es mir mit „arm und reich“ von Jared Diamond (1997). Auch ein Buch mit einem extrem großen Titel (gehts noch größer?) – aber von der ersten Seite „läuft“ dieses Buch ganz anders, hier werden Fragen gestellt, hier wird offen nach Antworten gesucht. Und hier werden Thesen in den Raum gestellt, die keinen „Alleinerklärungsanspruch“ haben sondern Versuche von Antworten sind, die sich aus Fragen an die Geschichte stellen. Ich finde schon seinen Einstieg toll – die Auseinandersetzung mit den Fragen der Papuas, die ihn bei seinen Expeditionen begleiten, über die Ursachen der Ungleichheit der menschlichen Gesellschaften. – und über die ursachen der (materiellen) westlichen Überlegenheit. Ich fand es ein sehr angenehmes, erhellendes Buch, weil es eben kritische Fragen stellt und kein übergeordnetes „Weltinterpretationsgerüst“, keine „Wahrheit“ liefert. Wenn ich jetzt böse wäre, würde ich sagen, dass dies daran liegt, dass er kein Historiker sondern Naturwissenschaftler ist – und daher versucht, offen und systematisch nach der historischen Realität  zu suchen und nicht daran im Wettkampf um mediale Aufmerksamkeit… aber, ich bin nicht böse und meine Grundthese ist eigentlich, dass sich gute und schlechte Eigenschaften der Forscher/Menschen relativ gleichmäßig auf die verschiedenen wissenschaftlichen Fachrichtungen verteilen;).

Wieder zum Buchregalschock:

Ich weiß nicht, geht es nur mir so – aber mir macht diese Vormacht und Suche nach
den großen „Welterklärern“ Angst. Gibt es in unserer Gesellschaft kein kritisches Denken
und Hinterfragen mehr? Oder ist die Spiegel-Bestsellerliste inzwischen mit
dem „Unterschichten-TV“ vergleichbar? Flache Unterhaltung, laut und plakativ für Leute, die so etwas wollen?

Wo wäre dann aber so etwas wie das denkende, intellektuelle Deutschland zu finden?

Gibt es das überhaupt noch?

Das nachdenkliche, hinterfragende Element?  Aber wahrscheinlich hat das in der Masse keinen Platz, vielleicht muss man es in den Nischen dieser Welt suchen, wahrscheinlich waren wir nie wirklich das Land der Dichter und Denker !? Vielleicht liegt es auch daran, dass der „Zweifel“ naturgemäß leise ist und deshalb in der lauten Bestsellerwelt übersehen wird.

Ratlos, Michael

Und jetzt noch ein p.s.:

nzz: kapitulation japans in asien dauerte der zweite weltkrieg laenger

Das habe ich heute (es ist der 19.8., nicht der 22.3.) gelesen – ich finde es ist ein gutes Beispiel dafür, wie einseitig unser Blick auf die Geschichte ist, da gebe ich dem Herrn Frankopan völlig recht – wir sind in unserer Geschichtswahrnehmung viel zu sehr auf Deutschland und Europa fixiert – ich denke auch, das ist ein Blick, den man sich im 21.Jahrhundert mit seinen drängenden globalen Problemen nicht leisten kann. Aber der Tellerrand ist eben sehr weit weg…

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