Krieg und Dreadlocks

Krieg und Dreadlocks 

Nein, ich glaube nicht, dass viele Soldaten Dreadlocks tragen. Das wäre zu unpraktisch. Es ist nur wieder einer dieser Punkte, die ich in meinem Hirn nicht mehr zusammenkriege. Das mit den Dreadlocks und fridays for future liegt jetzt schon ein paar Monate zurück, der Krieg nicht. Am Anfang war ich für Wochen in einer Art „Schockstarre“, dann gab es eine Phase, in der ich etwas Hoffnung schöpfte weil die Ukrainer recht erfolgreich Widerstand leisteten – und seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, dass sich tatsächlich so etwas wie eine russische Dampfwalze über die Ukraine wälzt – sehr langsam – aber kaum aufhaltbar. Ich versuche „akute“ Nachrichten aus dem Krieg zu vermeiden, weil ich sie kaum ertrage und lese eher Hintergrundanalysen dazu, aber es ist natürlich ein sehr unzuverlässiger und unvollständiger Eindruck, den ich davon habe. Und dieser Eindruck ist, dass hier mit einer unglaublichen Gewalt, die alles an internationalen Regeln und Menschlichkeit verhöhnt ein Land und seine Bewohner vergewaltigt werden. Ich wüsste nicht, wo dieser Vergleich besser passen würde denn der Begriff Vergewaltigung gilt m.E. nicht nur im direkten sexuellen Kontext . Der Begriff „Konflikt“ passt für mich nicht, weil er impliziert, dass ein Interessenkonflikt zwischen im Prinzip gleichberechtigten Partnern/Gegnern vorliegt – und das ist hier nicht der Fall, weil das russische Regime dem ukrainischen Staat das Existenzrecht abspricht. Es ist verbal und auf dem Schlachtfeld ein Vernichtungskrieg. Was will die russische Seite denn gewinnen außer entvölkerte und zerstörte Städte und Ländereien? Ich verstehe das nicht. Mich frappiert es auch, mit welcher Ungerührtheit dabei die eigenen Soldaten verheizt werden als ob es keine Menschen wären. Für mich trägt dies alles starke Merkmale eines totalitären Systems – der einzelne Mensch und dessen Leben zählt nichts – die Idee – eines russischen Großreichs alles. Es ist das Gegenteil von Humanismus. Um so mehr bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Menschen in Deutschland über diesen Konflikt reden, als wäre er eine lästige außenpolitische Frage wie so viele, bei der man sich so oder so verhalten könne, wo es doch auch an unseren Geldbeutel geht. Ich denke hier an die Äußerungen des Scholz-Beraters Jens Plötner oder den Brief gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine. Natürlich kann oder muss man darüber reden – aber wenn ich Leute wie Richard-David Precht * dazu höre gewinne ich den Eindruck, dass er/sie zumindest eine Teilschuld bei der Ukraine sieht und irgendwie meint, „sie soll sich doch nicht so aufführen, sollen gefälligst kapitulieren“, für mich persönlich reicht das schon fast an eine Täter-Opfer-Umkehr hin. Ich will das nicht allen unterstellen, aber so kommt das bei mir an. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Ukraine nicht bis jetzt durchgehalten hätte, hätte sie keine Waffenlieferungen erhalten. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit US (und britische) Waffenlieferungen ab 1941 an die damalige Sowjetunion den Zusammenbruch der roten Armee und einen Sieg von Adolf Hitler verhindert haben.

Ich habe einen sehr interessanten Artikel über Pazifismus und die Haltung zum Krieg in der Taz gelesen. Ich denke man muss hier zwischen einer pazifistischen Haltung unterscheiden, bei der man keinesfalls bereit ist Gewalt zur Durchsetzung politischer Interessen einzusetzen – und das bin ich, wie wahrscheinlich der größte Teil der Deutschen nicht – und der, dass man es moralisch auch für verwerflich hält, sich gegen einen Aggressor auch mit Gewalt zu wehren – und diesen unter Umständen auch zu töten, wenn es notwendig ist – und diese Bereitschaft sehe ich als notwendig um in einer Welt, in der Gewalt existiert zu überleben und auch mögliche Opfer zu schützen. Dieser Unterschied wird selten diskutiert (dazu ein interessanter Beitrag des Moralphilosophen Wilfried Hinsch) für mich ist es aber existentiell, sich darüber klar zu werden. Im zitierten TAZ-Artikel geht es auch darum ob nicht ziviler, passiver Widerstand eine Alternative zum Krieg wäre. Ich denke, ziviler Widerstand hat in gewissen Situationen durchaus einen bestimmten Effekt – aber in so einer Situation halte ich es für fraglich. Es setzt voraus, dass ein großer Teil der Bevölkerung die Zusammenarbeit mit dem Aggressor verweigert und diese aktive Weigerung auch unter Repressionen wir Folter oder Mord durchhält – und ich denke, dass viel zu wenige Menschen bereit sind, diese Konsequenzen auf sich zu nehmen. Ich würde es nicht schaffen. Die weitergehende philosophische Frage wäre ja auch die, ob ich bereit wäre, mich töten zu lassen, obwohl ich die Möglichkeit hätte, den Mörder vorher zu töten. Ich verneine diese Frage für mich weil ich denke, dass so eine Forderung unmenschlich ist weil sie dem Überlebensinstinkt diametral entgegengesetzt ist. Der zweite Punkt aber wäre, das ich das Leben des Mörders, der sich ja zudem noch amoralisch verhält indem er mich bedroht, als höherwertig einschätze als meines. Und das widerspricht meiner Überzeugung von der Gleichwertigkeit der Menschen. Für mich stellt sich die Situation so dar, dass ein Angreifer mit konkreter Tötungsabsicht sich außerhalb aller menschlichen Werte stellt und durch sein Verhalten das Risiko bewusst auf sich nehmen muss, durch die Verteidigungsmaßnahmen des Opfers selbst zu Schaden zu kommen (Ich freue mich immer, wenn ein Stier einmal einen Torero verletzt – ich weiß nicht, ob diese Freude dann böse ist?).

Aber wie gesagt, ich glaube, diese Fragen stellen sich viele gar nicht. Manchen ist es anscheinend wichtiger, ob eine Künstlerin bei einem öffentlichen Auftritt Dreadlocks trägt – und sich damit der kulturellen Aneignung schuldig macht. Und wenn ich diese beiden Seiten des Buches gegeneinander halte, dann weiß ich nicht mehr was ich sagen/schreiben soll. Ich habe das Gefühl, da sind Weltsichten, die so weit voneinander entfernt liegen dass ich mich überfordert fühle, sie intellektuell irgendwie in Einklang zu bringen. Ich habe mich natürlich gefragt, wie die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer reagieren, wenn sie von der Dreadlocks tragenden Kapitänin Carola Rackete gerettet werden. Wahrscheinlich echauffieren sie sich über deren Haartracht.

Das Thema kulturelle Aneignung wäre natürlich auch sehr interessant. Was ist denn letztendlich der Unterschied zu kulturellem Austausch – kann man da ernsthaft eine Trennlinie ziehen? Und was wäre die Welt ohne kulturellen Austausch. Ich denke da an Themen wie Religion und Schrift, die aus dem Osten zu uns kamen – oder an technisch, industrielle, medizinische Errungenschaften, die der Westen in die Welt brachte. An Musik, an Kunst, an Mode,… Teile der bairischen wurden ja aus Spanien übernommen (fragt lieber nicht genau nach, ich find´s einfach erstaunlich).

Noch was: Ich hab schon viel über westliche Werte gesprochen und das, was ich darunter verstehe. Im wesentlichen sind das die Werte des Humanismus, die in der Aufklärung entwickelt wurden, die Idee von der Gleichwertigkeit der Menschen, die sich in langsamen Schritten bahn gebrochen hat. An diese Vorraussetzung gebunden ist die Vorstellung von der Würde des Menschen und der Menschenrechte. Ohne diese als Grundlage gäbe es weder eine Diskussion über Gendergerechtigkeit noch über kulturelle Aneignung. Die einzig mögliche Gesellschafts- bzw. Regierungsform ist in diesem Ansatz die Demokratie. Alle anderen (autoritären) Regierungsformen gehen von hierarchischen Denkmustern aus und leugnen diesen Grundsatz, setzen die Interessen einiger über die von anderen. Ich sehe hier einen grundlegenden Gegensatz zum Regime des Herrn Putin (wie auch vieler anderer Autokraten). Die Frage ist es, inwieweit wir bereit sind diesen Grundsatz zu verteidigen. Und zwar auf eine geschickte Weise, die wirkt, lange bevor es zu Gewalt kommt**. Ich erinnere hier an Aussagen vieler Autokraten, dass diese Werte eben „westliche“ wären und daher nicht universal gelten würden und auch bei uns haben anscheinend viele die Auffassung dass andere (etwa asiatische) Kulturen hier andere Grundlagen besitzen. Man muss aber immer hinterfragen ob dies nicht einfach eine bequeme Schutzbehauptung der Regierungen ist um unbequeme Fragen nach den Menschenrechten abzublocken. Es wird dabei nicht bedacht, dass andere Gesellschaften selbstverständlich andere Auffassungen über das Verhältnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft haben (und das muss nicht schlecht sein) – das ist aber eine andere Frage als die nach der Würde und der grundlegenden Gleichberechtigung aller Menschen.

Aber was soll´s, viele verwechseln ja auch Russland mit der Sowjetunion oder berechtigte russische Interessen mit denen des russischen Regimes. Oder verstehen es nicht, dass es vielleicht  durchaus moralisch vertretbar war, vor zehn Jahren sich um den Ausbau russischer Gaslieferungen zu kümmern – aber die Aufrechterhaltung einer Freundschaft zu einem Kriegsverbrecher und Massenmörder eben eine völlig andere moralische Frage ist, ich weiß auch nicht, warum das keiner dem Herrn Schröder, einem aufrechten Sozialdemokraten erklärt.

Ach ja, und nochmal ein Wort zu fridays for future: Ich halte diese Bewegung für extrem wichtig. Unsere Gesellschaft benötigt unbedingt jemanden, der das Thema Klima ständig auf die Tagesordnung setzt und uns in die Hintern tritt. Wenn diese Bewegung sich jetzt aber in einem universalen Gerechtigkeitsanspruch verzettelt, und solche Themen wie kulturelle Aneignung mit vertritt, befürchte ich, dass sie den Rückhalt und die Sympathie sehr vieler Menschen verlieren werden, die zwar auf sie hoffen aber diese Diskussionen nicht mehr nachvollziehen können. Dann würde diese Bewegung an Kraft verlieren und eine der vielen (linken) Bewegungen werden, die sich untereinander im Anspruch auf die absolute Wahrheit zanken und die keiner mehr ernst nimmt. Und das darf nicht passieren, dazu ist das Thema Klimaschutz zu viel wichtig. Genauso wichtig wie der Kampf um die Demokratie und eine offene Bürgergesellschaft – denn ohne diese hat auch der Klimaschutz keine Chance.

Geschrieben hab ich trotzdem noch einiges, vor allem sind es satirische Kurzgeschichten, wie die des Ritter Franz, der von seinem übereifrigen Burgpater zur Teinahme an einem Kreuzzug gedrängt wird. Nur noch ein Wunder kann ihn nun noch retten … also geschieht eines.

Oder die Geschichte von der Alieninvasion und dem Professor Aufschnaiter, der berechnet hat, dass sich das Schicksal der Menschheit im Aischgrund entscheiden wird.

Anmerkungen:

* Was ich dabei auch nicht kapiere ist die Auffassung, das „der Westen“ durch Verhandlungen den Krieg beenden solle. Denn erstens ist „der Westen“ keine Kriegspartei sondern Russland und die Ukraine. Zweitens finde ich den Begriff „der Westen“ mehr als problematisch – es gibt keinen monolithischen Westen. Es gibt eine Reihe von Ländern mit parlamentarischen Demokratien und liberaler Grundordnung, es gibt die Nato, vor kurzem noch als hirntot und obsolet gegolten hat, es gibt die EU, die wirtschaftlich einen großen Block darstellt aber politisch unzureichend organisiert und handlungsfähig ist, es gibt Staaten wie Japan, Taiwan und Südkorea, aber auch wie die Türkei und Ungarn … und ich wehre mich gegen diese unbrauchbaren und unzulässigen Vereinfachungen!

** Darüber habe ich auch schon geschrieben, dazu müsste man aber auch wissen, was man verteidigt und diese Werte „leben“. Der amerikanische Überfall auf den Irak ist hier ja inzwischen das Totschlagargument gegen jeden, der von der Bedeutung dieser Werte spricht. Wichtig wäre hier auch der Aspekt, dass wir jederzeit bereit sind, zivilgesellschaftliche Ansätze – oder Gesellschaften zu verraten – ich erinnere an Syrien, Afghanistan, Hongkong, die Ukraine, der Test bei Taiwan steht noch aus. Aber wenn Xiping etwa fordert, die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abzubrechen …

dazu noch ein link zu einem „Zeit“-Artikel – da geht es um die Zukunft der Liberalität. Ich bin absolut kein Anhänger der FDP – aber die Liberalität unserer Gesellschaft ist ein sehr wichtiges Ziel, ich möchte nämlich nicht in einer autoritären Gesellschaft leben in der das Denken und Leben, die Kunst und Kultur in der Folge über das notwendige Maß beschnitten werden – und ich bin überzeugt, dass autoritäre und/oder populistische Ansätze keines der drängenden Zukunftsprobleme lösen können!

 

 

An Fasching fängt der Krieg an …

Gedanken zum 24.2.2022:  … wenn der Krieg an Fasching anfängt

Gestern ging ich um viertel nach 6 zum Bäcker und freute mich über das prächtige Morgenrot, welches im Osten aufstieg. Nach einem langen Winter ein strahlendes rot-orangenes Band. Das Wetter war mild und ich dachte, dass ein langer, sehr grauer Seuchenwinter vorüber geht. Ab jetzt ist es jeden Morgen wenn ich zum Bäcker gehe nicht mehr finster. Und ich dachte daran, ob und wie ich dieses Morgenrot in ein Gedicht fassen könnte.

Wieder zuhause, schaute ich dann ins Internet und las von den Angriffen auf die Ukraine und Explosionen von Raketen bei Kiew. Ich war vollkommen geschockt, fassungslos und mir kam sofort die Assoziation zwischen dem Rot im Osten und den Flammen des Krieges. Sicher, ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, aber es ist etwas anderes, wenn es dann wirklich los geht. Es ist nicht nur der Schock über die Kämpfe an sich – es ist dieses Gefühl der ohnmächtigen Wut. Unsere Kinder hatten sich verkleidet, sie wollten ein bisschen Fasching feiern in der Schule und nun der Kriegsbeginn. Ich dachte daran, ob es überhaupt noch zu rechtfertigen ist unter diesen Umständen zu feiern, ist es nicht geschmacklos, Ausgelassenheit zu zeigen und hielt dann an mich: Es sind ja Kinder – sie haben zwei Jahre Ausnahmezustand hinter sich – sie haben jedes Recht auf Freude – ich gönne es ihnen so.

Wahrscheinlich wusste das der einsame Herrscher im Osten nicht als er seinen Knechten befahl den Abzug zu drücken. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass in seinem Land viele Menschen an den mangelnden Lebensumständen leiden, ihre Miete kaum zahlen können. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass auch in seinem Land noch eine Pandemie herrscht die die Menschen bedroht. Wahrscheinlich wusste er auch nicht, dass diese Welt vor riesigen Herausforderungen wie der Klimakrise steht. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass man von Nationalismus nicht abbeißen kann, wahrscheinlich weiß er nicht, dass in seinem Krieg Menschen sterben, vertrieben werden, entrechtet werden …er wird ja nur die Meldungen glanzvoller Siege zu sehen bekommen.

Ich werde sarkastisch, ich will nicht sarkastisch werden … aber wie gehe ich mit meiner Trauer, meiner Wut und meiner Ohnmacht um? Ich weiß es nicht – es wird irgendwie weitergehen müssen, meine Kinder haben ein Recht auf ihre Zukunft. Mir fällt nur ein, dass es wichtig ist jetzt und immer für die Zukunft dieser Kinder vorzusorgen. Und das schließt für mich ein, dass wir uns wehren gegen jede Form von Diktatur und Gewalt und sie und uns dafür sensibilisieren die so glitzernde Fassade die sie vorspielen, wie jetzt in Peking oder bald in Qatar zu durchschauen. Dass wir uns dafür sensibilisieren, mit wem wir Geschäfte machen und welche Werte diese Geschäftspartner vertreten. Das schließt ein, dass wir sie dafür sensibilisieren rücksichtsvoll miteinander umzugehen und die Not der anderen nicht zu übersehen. Und dass wir versuchen Erpressungen von Ohnmächtigen und Kleinen durch Mächtige und Große nicht mehr zu dulden, nicht mehr wegsehen – und sei es auf dem Pausenhof. Sehen wir zu, dass es in Zukunft nicht mehr zu spät sein wird um Einzugreifen sondern treten wir den Anfängern entgegen.

Ich weiß, das ist kein Patentrezept und das wird die einsamen Herrscher im Osten nicht interessieren aber viele von uns – und unsere Kinder werden sie überleben und unsere Kinder haben ein Recht auf eine gute Zukunft in Freiheit und ohne Angst und Unterdrückung .

Ich habe zu dem Thema noch ein Gedicht geschrieben, es heißt 5000 Helme und ich möchte noch auf eines aufmerksam machen, das stammt von Marko Ferst es heißt „Szenario der Macht„.

Ich habe gelesen, dass die Ukraine inzwischen doch Waffen geliefert bekommen soll – damit wäre natürlich das Gedicht von den 5000 Helmen hinfällig. Als ich diese Nachricht gelesen habe, ist mir spontan der alte baierische Spruch eingefallen: „Wia da Schimme doud is gwen, ham´s eam an Schippe Hei fürgehm – ned das d´Laid song: z´wengs da Noud war da Schimme doud.“

Ja, und viele „Putinversteher“ zeigen sich nun betroffen und reuig, Gerd Schröder hat sicher genug Anstand, um das Russlandgeschäft für zwei bis drei Wochen ruhen zu lassen – bis sich die Lage beruhigt und die Leute zu ihren Routinetätigkeiten auf Instagram zurückgekehrt sind. Auch Frau Wagenknecht ist betroffen, wenn echte Menschen getötet werden. Mir macht das Hoffnung, weil mir denke in fünfzig Jahren werden viele Leute auf die Folgen des Klimawandels zurückblicken und sagen:  „wenn wir das so schon vorher gewusst hätten …“.

Ich frage mich auch, ob der einsame Mann im Kreml bedacht hat, wie es nach der Entwaffnung des Brudervolks weitergeht. Mir fällt da der alte Nazispruch „und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein“. Meint er, dass er wieder abziehen kann und die Ukrainer froh über ihre Befreiung ein Denkmal für ihn errichten? Meint er, dass die Versorgung eines so großen Landes nach einem Krieg keinen Aufwand bedeutet? Meint er dass er die Kontrolle durch kremltreue Beamte, Polizisten und Besatzungssoldaten aus dem Stegreif stemmt die er aus der Portokasse bezahlt?

Was mir noch kommt sind die Parallelen zum Dritten Reich, dem Überfall auf Polen und die Zeit davor. War da nicht auch die Rede, vom Genozid an Deutschen in Polen, so wie es jetzt die russische Seite in die Welt setzte? Davon, dass die Juden es schaffen würden, die Völker in den Krieg zu hetzen und dass seit 5 Uhr 45 zurückgeschossen wird nachdem polnische Einheiten in Deutschland eingedrungen wären. Davor eine Phase, in dem dem Gegner das politische unnd menschliche Existenzrecht abgesprochen wird. Eine alte Strategie: Wenn der Gegner kein Mensch ist sondern ein Nazi (wie offenbar die Ukrainer *) oder ein drogensüchtiger Clown, wie der Ukrainische Präsident Selenskyj, dann darf man ihn töten. Nein, ich möchte keine Nazivergleiche anstellen, es geht mir nur um die unglaubliche Perfidie mit der man jemand anderem die Schuld am Krieg in die Schuhe schieben will, den man selbst vom Zaune bricht. Auch damals ging es um Unrecht, dass den Deutschen nach dem ersten Weltkrieg zugefügt wurde (wahrscheinlich die größte geopolitische Katastrophe für den Herrn Hitler) und die Revision einer Friedensordnung. Nicht zu vergessen, dass der Herr Stalin dankbarerweise den Ostteil von Polen besetzte – da es ein Staat war, der in seinen Augen keine Existenzberechtigung hatte – und dazu noch die Bukowina von Rumänien besetzte und Finnland angriff. Davor fanden die Verhandlungen in München über die Zerschlagung der Tschechoslowakei statt. Die naive britische Appeasementpolitik, die Demütigung, ist heute sprichwörtlich. Ich glaube, Chamberlain war nicht so naiv wie viele deutsche Politiker heute – er wusste genau, dass die britische Armee zu diesem Zeitpunkt nicht gegen die Wehrmacht bestehen konnte. Ich erinnere mich, dass in einer Radiosendung der bayerischen Rundfunks am 22.2. mehrere Anrufer noch die russische Seite verteidigt hatten, da gab es z.B. genau dieses Argument, dass die Ukrainer ja einen Genozid an den Russen planten. Außerdem, dass die Ukraine ein „unsympathischer Unrechtsstaat“ sei in dem nur Oligarchen und Korruption regieren und dessen Existenzrecht daher in Frage gestellt wurde. Ich hab dann gegoogelt. Die Ukraine ist im Weltkorruptionsindex einer Aufstellung von Transperency International auf Platz 117, das ist in der Tat sehr schlimm  (je schlimmer, desto weiter hinten) – Russland auf Platz 139!

Mir fällt überhaupt auf, dass bei vielen fast nie die russischen Aggressionskriege ** thematisiert werden, wieviele Gebiete erobert und russifiziert wurden, wieviele Staaten besetzt und ihrer Rechte beraubt wurden – sondern nur die amerikanischen. Was ist mit der Eroberung des Kaukasus und von Zentralasien, mit der Kolonialisierung dieser Gebiete? Der Kenianische UN-Botschafter hat ja eine sehr beeindruckende Rede gehalten – über die Folgen von Kolonialpolitik und den Frieden- und Russland ja heute noch Kolonialmacht (die einzige neben Altbaiern, welches ja die Franken knechtet). Die Erfahrung der osteuropäischen Staaten mit Russland und der Sowjetunion sind verheerend! Wie kann man das vergessen? Leugnen? Diese Grßmachtsbestrebungen, diese imperialen Phantomschmerzen des eingebildeten Zaren erinnern mich frappant an den Schlusssatz der „Qualtinger“-Lesung von mein Kampf, das hysterisch in die Welt gebrüllte: „Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein!“(der Ländername wäre hier auszutauschen).

In der Psychologie sagt man immer, wenn sich jemand immer nur von Feinden umgeben sieht, dann sollte er mal über seine Persönlichkeitsstruktur nachdenken … aber Psychologie spielt in der Politik natürlich keine Rolle.

Kurzer Themenwechsel zum Sport: Die olympischen Winterspiele sind zu Ende und möglicherweise hat Putin ja nicht früher angegriffen um seinem guten Freund Xi nicht das schöne Fest zu verderben (wobei ich mir immer denke, für den Herrn Xi ist der Herr Putin wohl nur ein nützlicher Idiot – ich weiß aber nicht wie der Herr Putin das sieht). Ich habe ja schon viel über Katar und den Fussball geschrieben. Im Vorfeld ist ja auch über Boykott nachgedacht worden. Ich finde, den Athleten den Boykott  zuzumuten unzumutbar – warum aber machen die Fernsehzuschauer denn keinen Boykott? Ist das den Millionen Sesselsportlern nicht zuzumuten? Sehr erstaunlich in diesem Zusammenhang ein Kommentar in dem der Medaillenspiegel als Farce. War das jemals anders? Wenn man den Medaillenspiegel im Verhältnis zur Bevölkerung hat man nämlich auf einmal Sportsupermächte wie Norwegen oder Australien. Sind die Norweger und Australier denn wirklich so viel zigmal sportlicher als alle anderen? Oder könnte das was mit der Anzahl der Wettbewerbe (wieviel Schwimm- oder Langlaufmedaillen gibt es im Vergleich zu einer Massensportart wie etwa Fussball und der Zahl der Sportler in diesen Bereichen) in manchen Sportarten und vor allem mit der massiven Sportförderung zu tun haben. Eigentlich ist das Ganze vollkommen witzlos! Da lobe ich mir das bevölkerungsreichste Land der Welt (ich glaube das ist Indien) – oder so ein Land wie Brasilien! Bezogen auf die Bevölkerung hoffnungslos hinten im Medaillenspiegel … wie sympathisch, ich liebe sie dafür!

Achja, und der Herr Abramovic, Oligarch und enger Putinfreund droht sein Spielzeug, den FC Chelsea zu verlieren – das sind die Dramen unserer Zeit. Der deutsche Chelseatrainer Thomas Tuchel ist sehr besorgt – dafür eine echte runde Mitleid! Ich glaube zu einer Runde Mitleid mit der Ukraine hat er sich noch nicht hinreissen lassen. Im Gegensatz zur Tochter von Herrn Abramovic! Ja, im Sport kommen die besten Seiten des Menschen zum Vorschein!

 

Zwei Sternchen:

* Ich bin ja ein großer Kabarettfan und als solcher erinnere ich mich noch sehr gut an die Diffamierung der ukrainischen Demokratiebewegung als Nazis durch Kabarettisten wie Helmut Schleich, Rainer Uthoff und Claus von Wagner. Diese liefern dann natürlich sogleich ihren legendären Faktencheck – aber ich fand es schon damals unerträglich.

** die Liste im link, das sind natürlich nicht alles Aggressionkriege, man möge aber Bedenken, dass im z.B. im ersten Weltkrieg Russland als erste Großmacht die Mobilmachung anordnete und die russischen Truppen sofort nach Kriegsbeginn mit einer massiven Invasion nach Deutschland und Österreich-Ungarn begonnen haben. Und anbei noch ein interessanter link, der die Rolle der Sowjetunion im spanischen Bürgerkrieg beleuchtet.

Man möge mir meinen Sarkasmus in manchen Punkten verzeihen – aber vieles ertrage ich nur so. Schließlich kommt der Frühling und Corona scheint uns nun bald doch mal (zumindestens für eine Weile) in Freiden zu lassen. Hoffen wir als auf ein schönes Frühjar und dass die Magnolienblüten dieses Jahr nicht erfrieren…

 

Der Papst, der Herr Putin und der Herr Seehofer

Der Papst, der Herr Putin und der Herr Seehofer

oder:  Werte, Werte, Werte …

Mein Gott, wie die Zeit vergeht – es ist schon Januar, der zweitunbeliebteste Monat der Deutschen – zu seiner Ehrung ein Gedicht. Und die fünfte Welle droht – ein deja vú. Ein Blick in die Zeitung – wieder ein deja vu: Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, diesmal soll der Ratzinger was damit zu tun gehabt haben. Gähn, warum wundert mich das nicht? Wo soll da der Neuigkeitswert sein? Immerhin hat er gesagt, er wolle für die Opfer beten. Da werden sich die Opfer freuen.

„Des Johr gähd scho wieder guad los“ …hätte wohl Matthias Kneißl gesagt. Trotzdem wünsche ich allen Lesern natürlich ein gutes neues Jahr!

Ein weiterer Blick: Seehofer soll Berichte des Verfassungsschutzes über die AfD beschönigen lassen haben?! Das erstaunt mich dann doch, ich habe eigentlich immer viel vom Herrn Seehofer gehalten, ja, …lang ists her. In diesem Zusammenhang taucht unwillkürlich die Hackfresse von Hans-Georg Maaßen in meinem Gedächtnis auf. Ich bedauere den Ausdruck „Hackfresse“, denn ich bin ja Humanist und will mich nicht dem allgemeinen Niveau des Internets anpassen. Aber diese Brille, die finde ich irgendwie typisch – den eingeschränkten Scharfblick betonend.

Und dann kommt Putin und die Ukraine. Jetzt nichts Falsches schreiben! Ich gehe noch mal googeln. Als latenter Feminist lande ich auf der Seite von Emma (tatsächlich! Ich weiß nicht mehr warum) – dort steht ein erhellender Bericht: Der Westen hat 2001 die ausgestreckte Hand des Herrn Putin zurückgewiesen. Wusst´ ich´s doch, der Westen ist schuld! Herr Putin hat durch dieses traumatische Kindheitserlebnis (damals war er erst ein Jahr an der Macht) den Glauben an das Gute im Westen verloren und hat sich zwangsläufig so entwickeln müssen. Die meisten Neonazis hatten auch eine schwere Kindheit und auch die Islamisten. Nein, ich will nicht noch ätzender werden und viele Putin-Versteher sind sicher Menschen mit ehrenwertem Hintergrund. Die Deutschen sollen sich auch nicht anmaßen, über Russland zu urteilen, nach 1941! Es sind damals zwar anteilsmäßig mehr Weißrussen (darf man das noch schreiben?) und Ukrainer umgekommen, aber sei´s drum. Der Ukrainer ist ein Nazi (wahrscheinlich hatte er auch eine schlechte Kindheit unter dem Herrn Stalin) und daher nicht fähig, ein Staatswesen aufzubauen, das es Wert wäre es so zu nennen … oder gar dafür einzustehen.

Weil mir vorher die „Hackfresse“ eingefallen ist, beim Herr Putin kommt mir bezüglich seines Umgangs mit der Ukraine immer das Bild eines alten Machos, der seine „Ex“ grün und blau schlägt, weil sie einen anderen angeschaut hat.

Zu meinem „Ätzausbruch“ vorher: Mich wundert es eigentlich, dass die Tendenz russischen Imperialismus und russische Aggression zu verharmlosen, ja zu negieren oft aus der linken Ecke kommt. Bei der AfD wundert es mich nicht, die Vertreten ein ähnliches Weltbild wie der Herr Putin – und werden wahrscheinlich auch durch diesen gefördert (bei der AfD bin ich mir unsicher, aber andere rechte Parteien wie der Front National haben Unterstützung aus Russland erhalten). Ich habe immer den Eindruck, da herrscht noch dieser alte Glaubensatz vor: Die Amis sind die Wurzel allen Übels. Um nicht missverstanden zu werden: Im Namen der USA bzw. der US-Außenpolitik wurden katastrophale Fehler begangen und unsägliche Regime unterstützt. Aber die Amis haben kein Patent auf Imperialismus. Und die Parolen von der Schuld des Westen sind ähnlich unterkomplex (mein Lieblingswort!) wie viele dieser zu einfachen Welterklärungsmodelle. Ich finde gerade dieses Welterklärungsmodell fast rassistisch, weil es unterbewusst der Vorstellung folgt, nur „der Westen“ sei zu eigenständigem politischen Handeln fähig.

Wenn ich alle drei Zeitungsmeldungen vergleiche komme ich zu meiner alten These, dass es fatal ist, nicht zu seinen Werten zu stehen, weil es die Glaubwürdigkeit vollkommen unterminiert. Sei es der Verrat von Herrn Seehofer an den Aufgaben seines Amtes als Innenminister indem er rechtsradikale Tendenzen verharmlost. Sei es der Herr Ratzinger, der Täter deckt und damit seine propagierten christlichen Werte, wie die Nächstenliebe verrät. Seien es diejenigen, die im Ukrainekonflikt die Schuld dem Westen zuschreiben und damit das Regime des Herrn Putin exkulpieren.

Das hat wiederum die Folge, dass sowohl die eigene Gesellschaft das Vertrauen in die Politik (bzw. Kirche) verliert als auch dass Menschen anderer Länder, die auf Werte wie Demokratie, Menschenwürde und eine freiheitliche, zivile Gesellschaft hoffen enttäuscht werden. Wie blind muss man sein, um das nicht zu sehen? Ich verstehe auch nicht, warum man die Opposition in Russland so im Regen stehen lässt. Es sind – trotz staatlicher russischer Propaganda und stark eingeschränkter Pressefreiheit sehr viele Russen nicht mit dessen Regime einverstanden. Was mögen Weißrussen oder Syrer denken, die für ihr Eintreten gegen die Diktatoren, die von Putin gestützt werden Folter und Verfolgung ausgesetzt sind – wenn viele im Westen kein Problem mit dessen Regime haben? Warum setzt man daher so oft das „Putin-Regime“ mit „Russland“ gleich? Warum nimmt man es fast protestlos hin, wenn der Herr Putin Oppositionelle im Inland einkerkert, im Ausland töten lässt? Wie kommt man darauf, in dem Fall auf den Herrn Assange hinzuweisen – wie wenn der eine Fall die anderen entschuldigen würde? Warum zeigen sich manche politischen Kräfte oder Vertreter, die sonst sehr fortschrittlich denken, sich für eine offene und gerechte Gesellschaft einsetzen ausgerechnet diesem Autokraten gegenüber so blind?  Manchmal kommt dann noch der halbherzige  Halbsatz: „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich den Herrn Putin gut finde“ – etwa vom Anstaltskabarretisten Rainer Uthoff – aber der liefert dann einen „Faktencheck“ hinterher (Wie armselig muss Kabarett sein, wenn es einen Faktencheck benötigt?)

Mich lässt diese Diskussion fassungslos, entsetzt und wütend zurück, aber ich habe ja nur eineinhalb Liter Hirn zur Verfügung, da passt einfach vieles nicht mehr rein …

Dunkel erinnere ich mich, dass wir eine Pandemie haben, dass die Klimaerwärmung ungebremst weitergeht, das täglich Arten für immer von der Erde verschwinden, dass jedes Jahr weltweit über eine Million Menschen an multiresitenten Keimen sterben, dass … wären das nicht die eigentlichen Probleme, die es anzupacken gilt? Müssten dazu nicht Institutionen wie die EU oder die UNO zusammenarbeiten? Wo ist Greta? Warum müssen wird die Aufmerksamkeit stattdessen diesen drei alten Männern widmen?

Trotzdem hab ich ein bisschen was geschrieben, so hab ich mich in konkreter Poesie versucht und ein paar Kurzgeschichten geschrieben. Zu Zweien hier ein Link: „Knochen im Garten“ und „Goiabada„. Die erste Geschichte besteht aus mehreren Kapiteln -man muss also weiterklicken.

Ein kleines p.s. zum Herrn Putin: Ich weiß nicht, ob das so der Realität entspricht, aber es ist schon der zweite Artikel, den ich gelesen habe, der in diese Richtung geht. Ich denke schon, dass es ein großes Problem autoritärer Führungen ist, dass sie in einer „Blase“ von Jasagern leben und somit den Kontakt zur Realität verlieren. Das wirft man unseren Politikern zwar auch vor – aber jeder bei uns hat die Möglichkeit, in eine Bürgersprechstunde zu gehen – oder diese Politiker wieder abzuwählen.

Noch ein Gedanke: Ist das Gezänk um Nortstream2 und die Abhängigkeit vom russischen Gas nicht ein schlagendes zusätzliches Argument um sich endlich aus der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu befreien? Durch die diese Abhängigkeit sind wir doch immer wieder in der Gefahr, von autokratischen Regimen erpressen zu lassen…

 

 

 

Zardoz, der Wahl-o-mat, die eklige weiße Gesellschaft und Frau Stock

ganz kurz vorneweg: sarah-lee heinrich hat sich inzwischen für die „eklige weiße Mehrheitsgesellschaft“ entschuldigt und damit sollte manes dann auch gut sein lassen, was ihre person betrifft  – ich lass es trotzdem mal in der überschrift, wegen der aufhängerwirkung für das thema. 

Mein Gott, wie die Zeit vergeht – es ist schon November, der unbeliebteste Monat der Deutschen – zu seiner Ehrung ein Gedicht. Die Bundestagswahlen waren und die vierte Welle droht – ein deja vú. Ich hab damals ja den Wahl-o-mat gemacht – und eine andere Empfehlung bekommen als ich dann tatsächlich gewählt habe. Aber ich habe immer das Gefühl, da werden nie die wesentlichen Fragen gestellt. Es geht immer um isolierte Fachfragen – etwa wie man zum Mietendeckel steht. Ich finde das äußerst problematisch, weil ich denke, dass die Mietsituation in vielen Städten äußerst angespannt ist und dieses Problem eines der drängendsten unserer Gesellschaft ist – es wird aber nicht danach gefragt, ob man sich wünscht, dass die Politik sich auf dieses Problemfeld konzentriert – sondern nur, wie man diese einzelne Maßnahme sieht – unabhängig von ihrem Sinn. Und so geht es mir mit vielen Themenfeldern. Warum fragt man denn nicht viel grundsätzlicher – ob man etwa für mehr staatliche Maßnahmen ist, ob man für mehr Umverteilung in der Gesellschaft ist, ob man für eine größere unternehmerische Freiheit ist – mit allen ihren Konsequenzen – ob man für eine striktere Umweltpolitik ist und dabei auch Einschränkungen befürwortet – oder etwa ob man für mehr oder weniger Zuwanderung in der Gesellschaft ist – usw. … . Hier liegen doch die Konfliktlinien in unserer Gesellschaft!?

Ich sehe die Spaltung unserer Gesellschaft in immer mehr „Fraktionen“ für ein zentrales Problem. Ich denke hierbei nicht nur an die Trennungslinien zwischen rechts und links, Querdenkern und Rationaldenkern oder etwa den traditionellen Linken und der identitären Linken. Viel wichtiger halte ich das Problem der Spaltung in arm und reich – und hier meine ich vor allem eine Schicht von Superreichen, die sich unserer Gesellschaft immer mehr entziehen und sich von ihr abkoppeln – und auf der anderen Seite die Möglichkeit haben einen vollkommen überproportionalen Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Hier sei neben dem Link (da geht es um den großen Einfluss der „Reichen“ auf das Klima), etwa auf den Einfluss „Reicher“ auf den Sport hingewiesen, wenn irgendein „Scheich“ oder „Oligarch“ sich einen Fussballclub als Spielzeug zulegt – und damit das Gefühlsleben von Millionen Fans beeinflusst. Hier sei auf den unheilvollen Einfluss von Medienmogulen hingewiesen, die über ihre „Imperien“ etwa rechtspopulistische Tendenzen fördern.  Ich habe versucht, dieses Problem im Text Zardoz zu anzusprechen – dazu aber noch keine Rückmeldungen bekommen. Schade!

Kleines P.S. an dieser Stelle: ein paar Tage nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, habe ich ein Interview mit dem US-Historiker Timothy Snyder gelesen, der sich mit „Zardoz“ und anderen Texten ziemlich gut ergänzt und ebenfalls die gegenwärtige Gefährdung der Demokratie thematisiert.

Was mich in diesen Tagen noch bewegt ist die Erkenntnis, das ich zur ekligen weißen Mehrheitsgesellschaft gehöre. Ich bin zwar nur ein alter weißer Mann, aber ich empfinde diese Äußerung (die immerhin von der Jugendsprecherin einer zukünftigen deutschen Regierungspartei stammt), als diffamierend und sie trifft mich. Ich frage mich immer, wie man in unserer Gesellschaft mehr Menschlichkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen will, wie man Probleme der Integration und des Rassismus überwinden will, wenn man sich so verletzend aggressiv verhält? Ich denke überhaupt, es ist ein Grundproblem der sogenannten „identitären Linken„, die Gesellschaft in immer differenzierte Täter- und Opferkategorien einzuteilen. Dies wird weder der Ambivalenz der Menschen die in diese Kategorien eingeteilt werden gerecht, noch trägt es dazu bei, die Gesellschaft weiterzubringen. Man wird ja auch nicht gefragt, ob man sich selbst mit einer dieser Gruppen identifiziert, man wird einfach eingeteilt und in eine Schublade gesteckt. Ich denke, dieses Verhalten ist Antihumanistisch weil der Humanismus immer vom Wert und der Einzigartigkeit des Individuums ausgeht. Man muss demnach versuchen den Einzelnen kennenzulernen und zu versuchen ihn in allen seinen Facetten und mit seiner Geschichte zu betrachten, erst dann kann man ihn bzw. seine Ansichten gegebenenfalls auch ablehnen – das bin ich ihm in diesem Falle schuldig. Wenn ich Menschen immer nur in Kategorien stecke verhindere ich genau dieses. Ich muss versuchen, im Flüchtling, im Schwulen, im Türken, im Fremden, im Deutschen, im alten weißen Mann einen individuellen Menschen zu sehen, das ist für mich essentiell um eventuelle Vorbehalte zu überwinden. Das ist gleichzeitig aber eine Forderung, die sehr schwer durchzuhalten ist und mich wie viele andere überfordert. Darum geht es aber nicht – es geht darum, sich immer wieder am Kragen zu fassen und daran zu denken, dass der andere mehr ist als eine kategorische Zuschreibung. Ich denke nur so werden wir es schaffen, die Probleme, die sich etwa durch die Zuwanderung ergeben zu bewältigen. Nur wenn ich den anderen kennenlerne kann ich ihn schätzen lernen und wird er kein Fremder bleiben. Man mag natürlich der Meinung sein, dass zu viel Zuwanderung für unsere Gesellschaft nicht gut ist – aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft mit sehr vielen Migranten. Das ist Realität – und wir dürfen die Realität nicht leugnen sondern müssen mit ihr konstruktiv umgehen. Diese Forderung richtet sich natürlich nicht nur an die „Biodeutschen“ sondern in gleicher Weise an die Zuwanderer. Wer hier nicht mit unseren gesellschaftlichen Grundwerten (etwa: Freiheit des Individuums, der Kunst, des Denkens, Gleichberechtigung der (aller) Geschlechter, Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit) übereinstimmt muss sich fragen lassen, ob er hier dauerhaft am richtigen Ort ist. Ich denke eines der großen Probleme der Integration ist es, dass sich viele Zuwanderer hier nicht willkommen, geschätzt und anerkannt fühlen. Jeder Mensch hat das zentrale Grundbedürfnis in seiner Person, als Mensch geschätzt zu werden – und wenn ich das Gefühl habe, von der Gesellschaft, in der ich lebe nicht geschätzt zu werden, werde ich mich damit nicht identifizieren und mich nicht konstruktiv beteiligen. Das gilt wiederum nicht nur für Migranten sondern natürlich genauso für Nichtmigranten. Und es kommt zur Desintegration von verschiedenen Bevölkerungsanteilen, wenn sie sich nicht mehr geschätzt und in ihrer Leistung gewürdigt fühlen – siehe etwa die absteigende oder von Abstiegsänsten zerfressene weiße Mittelschicht in den USA und Trump.

Ich kann den anderen aber nur schätzen lernen, wenn ich ihn kennenlerne. Kann ich ihn nicht kennenlernen, muss ich ihm zugestehen, ein Mensch zu sein  mit den gleichen Grundbedürnissen wie ich – und da steht Wertschätzung ganz weit oben. Weil ich in der realen Welt nicht alle Menschen kennenlernen kann ist etwa ein Aspekt wie Höflichkeit und Freundlichkeit von großer Bedeutung.

Wieder zurück zum Rassismus/Antirassismus. Mein Vater hat im Pflegeheim viele Kräfte mit Migrationshintergrund. Neulich war er bei uns zu Besuch mit einer jungen Afrikanerin als begleitender Pflegekraft (das ist bei ihm medizinisch notwendig). Ich traute mich dann doch über meinen Schatten zu springen und fragte sie, wo sie herkam (aus Kenia). Für mich war das die nächstliegende Frage um in ein etwas näheres oder persönlicheres Gespräch zu kommen – und den/die andere kennenzulernen. Ich hatte davor aber ernsthafte Skrupel, weil ich es immer wieder gelesen habe, wie unangenehm und rassistisch es sei, jemanden so nach seiner Herkunft anzusprechen.

Ich denke es tut unserer Gesellschaft überhaupt nicht gut, dem unbarmherzigen und rigiden Ton zu folgen, den ich aus sogenannter „antirassistischer Ecke“ wahrnehme (ich empfinde das so!). Wir müssen offener, wärmer und menschlicher miteinander umgehen.

Wenn ich mir anschaue, was in England im Streit um die (feministischen) Philosophin Kathleen Stock geschehen ist wird mir mulmig. Wenn ich sehe, wie angeblich progressive Kräfte versuchen jemanden mundtot zu machen und wegzumobben wird mir ganz schlecht. Ich denke gerade die Frage nach der Geschlechtsidentität ist eine die der offenen philosophischen Betrachtung bedarf – und solch eine Diskussion mit Hinweis auf eventuell verletzte Gefühle von Transpersonen abzutöten ist inakzeptabel für eine offene Gesellschaft und unmenschlich gegenüber der betroffenen Person.

Um noch einmal auf das Grundthema zu kommen -wenn man die Menschheit in Täter- und Opferkategorien einteilt und dann auf die selbsteingeteilten „Täter“ einprügelt ist niemandem geholfen, es vertieft nur die Gräbern in unserer Gesellschaft und reißt neue auf. Eine solche Haltung ist zutiefst antihumanistisch – auch wenn sie vorgibt, die Interessen von Minderheiten zu schützen, weil sie den Menschen eben nur als Angehörigen einer Kategorie betrachtet – und nicht bereit ist ihn als Individuum zu betrachten. Im Gegenteil: Die Einteilung in Kategorien verhindert Offenheit und das gegenseitige kennenlernen. Um das Ganze zu unterfüttern hier noch mal der Link dazu: die-antiaufklaererische-dimension-linker-identitaetspolitik.

Es geht doch darum, in der Gesellschaft patriarchalische, chauvinistische, rassistische und sexistische Einstellungen zu bekämpfen. Wenn  man jetzt zum Beispiel gegen alte weiße Männer polemisiert unterstellt man diesen offensichtlich, dass sie diese Einstellungen vertreten – d.h. man macht etwas, was man ablehnt an einem biologischen Merkmal fest – und genau das ist für mich Rassimus. Jemanden für ein „angeborenes“ Merkmal in „Haftung“ zu nehmen, für das er nichts kann. Und ich denke mir dann immer was ist denn das Ziel der Menschen, die solche Begriffe als Kampfbegriffe führen? Ist es ideologische Verblendung oder ist ihnen dieses Problem unbewusst?

Warum schreibe ich das? Ich bin Humanist – und als Humanist fühle ich mich den Idealen der Aufkärung verpflichtet und verbunden. Ich denke, die Aufklärung, die ja beileibe kein abgeschlossener Prozess ist, ist die Voraussetzung für humanistisches Denken. Ich sehe die Aufklärung als einen der entscheidenden Fortschritte der Menschheit an – und ich halte das aufklärerische Denken heute von vielen Seiten bedroht. Die Ablehnung der Aufklärung von rechter Seite ist ein altes Phänomen – rechte Ansichten leugnen die Gleichwertigkeit der Menschen – umso besorgter bin ich, wenn solche Tendenzen – wenn auch oft versteckt von anderen Seiten kommen.

Ich hoffe es war kein zu schweres Thema um den Herbst zu geniessen! Auch der November verdient unsere Aufmerksamkeit!

 

Von Konstantin Wecker zu Zardoz

 

Wie immer, wenn mir was im Kopf umgeht und ich etwas schreibe kommt mir jemand anderes zuvor, diesmal war es Lamya Kaddor, die ich sehr schätze mit ihrer Kolummne Wie Joe Biden den Abstieg des Westens beschleunigt. Sie schreibt darin sehr vieles von den Gedanken, die mir ganz ähnlich kommen, vom Verrat an den westlichen Werten und an den Menschen, die auf sie vertrauten, vom Alleinlassen der Menschen in Afghanistan, wie zuvor schon in Syrien und anderen Ländern. Von den damit verbundenen negativen Folgen und dem Verlust von Einfluss in dieser Welt, die Ordnung und Hoffnung so nötig hat. Vielleicht wirkt sie hierbei  glaubwürdiger als ich, denn sie ist Muslima.

Ich habe viele meiner Gedanken zu diesem Thema ja schon in den vergangenen Texten geschrieben – jetzt habe ich noch einmal einen längeren Text unter dem Titel Zardoz geschrieben: Darin geht es um die Widersprüchlichkeiten der heutigen Welt, die Notwendigkeit, unsere Zivilgesellschaft zu schützen und zu fördern und um die Gefahr, die ich in der Verführung der Menschen durch Populismus und autoritäte Systeme, durch vermeintlich einfache Lösungen. Warum der Text „Zardoz“ heißt? Da muss man ihn lesen!

Dazu drei längere Anmerkungen:

1.) Ich habe mehrfach versucht, Lamya Kaddor zu kontaktieren, weil sie in einem Artikel auf der Webseite qantara schreibt, es fehlt ihr an einem Dialog zwischen Muslimen und Atheisten. Ich fände das auch sehr spannend, aber sie hat nicht zurückgeschrieben. Wenn mir einer hier helfen kann? Qantara ist sowieso eine tolle Seite für jeden, der sich für die muslimischen Länder, ihre Kultur, ihre Probleme und Entwicklung sowie die Beziehungen zwischen ihnen und dem Westen interessiert – und es ist eine ideologiefreie Seite.

2.) Ich war in meiner Jugend immer ein großer Konstantin-Wecker-Fan, ich war immer ein großer Bewunderer seines eleganten und gekonnten Umgangs mit der deutschen Sprache und natürlich seiner Musik, seiner Leidenschaft. Vor kurzem habe im Radio ein neues Lied, Utopia von ihm gehört. Ich habe es nicht ausgehalten, habe es nach nicht einmal einer Minute abgeschaltet. Warum? „ohne ehrgeiz, ungehetzt, alle leben nur im jetzt“, Im weiteren Liedtext schreibt er zwar: „nennt mich einen Spinner“ „nennt es weltfremd“ und  aber ich konnte den Text einfach nicht ertragen. Ich denke wir leben in einer Welt, die uns vor große Probleme und Herausforderungen stellt. Innerhalb unserer Gesellschaft habe ich ein Problem mit den Leuten, die den großen Vereinfachern folgen (Populisten wie Vertretern von Verschwörungstheorien). Unsere Welt ist komplex und verlangt daher differenziertes Denken und keine Ignoranz – unsere Probleme sind nicht mit der Pipi-Langstrumpf-Methode zu lösen. Und genau das vermittelt mir der Wecker-Song: Alles wäre schön, wenn wir lieb miteinander wären. Alles wäre gut, wenn wir gut wären. Ich empfinde den Text nicht mehr als „poetisch“ sondern nur noch als peinlich-dümmlich. Man verzeihe mir diese harten Worte. Hat er jemals darüber nachgedacht, dass wir fast alles, was unser Leben sicher und angenehm machen dem Ehrgeiz, der Leistungsgesellschaft und der Anstrengung von anderen Menschen verdanken? Sei es die Spritze beim Zahnarzt, sei es das Fahrrad, das und unweltfreundlich von A nach B bringt, sei es der gute italienische Rotwein, der dem Künstler zu solchen Höhenflügen verhilft, sei es das Radio, welches seine Zeilen in eine Welt trägt, die darauf gewartet hat.

3.) Interessant ist immer bei Artikeln, bei denen es um das Versagen des Westens geht, wie schnell und mit welcher Häme die Putin-Fans und Chinaverehrer auf den Zug springen. Ich weiß nicht wie viele das sind und ob sie alles bezahlte Trolle sind, aber ihre Argumente finde ich oft äußerst problematisch. Neulich habe ich nach „Medien politische Ausrichtung“ gegoogelt. Da taucht an prominenter Stelle ein Schema (mehrfach) auf, bei dem das wesentliche Kriterium zur Beurteilung „Nato-konform oder Nato-kritisch“ ist. ich musste feststellen, dass ich total einseitig informiert bin, weil ich eher auf Medien wie die Süddeutsche, die Zeit oder ähnliches Lese – das ist Pro-Nato Hetze! Zum Ausgleich sollte man öfter bei den Freunden von RussiaToday, china.org oder KenFM reinschauen. Ken Jebsen kennt sich ja auch sonst sehr gut mit alternativen Wahrheiten aus, man frage auch bei Xaver Naidoo nach.

Bleibt noch die Weisheit von Angela Merkel: „Hinterher, im Nachhinein präzise Analysen und Bewertungen zu machen, das ist nicht wirklich kompliziert. Hinterher, im Nachhinein alles genau zu wissen und exakt vorherzusehen, das ist relativ mühelos.“ Ja klar, woher hätte man denn auch wissen können, dass der Winter kommt, dass man schauen hätte sollen, bevor man die Straße überquert, dass CO2 Infrarotstrahlung (= Wärmestrahlung) absorbiert, dass man von Rand der Welt fällt, wenn man zu weit segelt,…

P.S.:

Auch gut: Joe Biden will die Attentäter des Selbstmordanschlags auf dem Kabuler Flughafen zur Rechenschaft ziehen.

P.P.S.:

Das fehlende „i“ bei Xaver Naidoo ist kein Druckfehler sondern soll sein „deutsch sein“ betonen. Nein, das ist nicht rassistisch gemeint sondern eine Anspielung auf den Nationalismus, den dieser Herr an den Tag legt.

P.P.P.S.:

In „Zardoz“ spielt Beethovens 7.Symphonie eine tragende Rolle als Filmmusik. Das ist wichtig, weil es meine Lieblingssymphomie meines Lieblingskomponisten ist und eine Musik (vor allem der zweite Satz), die mich immer wieder zu tiefst berührt und mir eine Gänsehaut macht. Ich bin immer am überlegen, was dieses Stück hat, dass es mich so bewegt und ich bedaure, dass es meine Ausdrucksfähigkeit so überfordert, über Musik zu schreiben. Darin liegt etwas zu tiefst zauberhaftes, sehnsuchtsvolles, melancholisches, leicht schräges – ich bin jedesmal überwältigt! Und warum packen mich dann andere oft Stücke gar nicht?

 

 

Die Taliban, Lionel Messi und ein atheistischer Katholik

Die Taliban, Lionel Messi und ein katholischer Atheist

Jetzt ist es also passiert, …die TalibanInnen (wahrscheinlich kann man sich hier das Gendern sparen, die Frauen kommen ja erst im Paradies dazu) haben Afghanistan überrannt, „der Westen“ schaut zu und in die Röhre. Mich hat die Schnelle des Zusammenbruchs des afghanischen Regimes dann doch überrascht, die Taliban sind keine afghanische Volksbewegung (sie sind ein Kind des pakistanischen Geheimdienstes und vor allem saudischer Finanzierung)* und werden nicht von einer breiten Massenbewegung unterstützt. Einen interessanten Artikel dazu las ich in der NZZ. Dieser erklärt plausibel, wie u.a. die Wurstigkeit und mangelnde Kontrolle der westlichen Investoren einen Staat aufbauen half, der zutiefst von Korruption geprägt und zerfressen war. Inklusive Geistersoldaten (das sind Soldaten, die nur auf dem Papier existieren, damit jemand dafür Geld kassieren kann) und hungernder (=unmotivierter) Armeeeinheiten, deren Soldzahlungen an anderer Stelle versickerten**.

Ich habe schon einmal geschrieben, dass es ich kein Freund dieser verkürzten „der Westen ist an allem Schuld“-These bin. Natürlich geht das Debakel in Afghanistan in wesentlichen Punkten auf ein Versagen der Politik der USA und zum Teil von deren Verbündeten zurück, aber diese These unterstellt immer, dass „der Westen“ ein relativ einheitlicher Block wäre, der unter der Führung von Politikeliten eine langfristige, konsistente, zielgerichtete Welt(-Politik) verfolgte – und das erinnert mich stark an die Grundlage vieler Verschwörungstheorien (erinnert sei hier an Begriffe wie „Finanzjudentum“ und „Deepstate“).

Mir scheinen die Geschehnisse eher das Gegenteil zu nahezulegen, sie offenbaren eher eine unglaubliche, entsetzliche Planlosigkeit und Naivität, ja Ignoranz. Dies betrifft sowohl die US-amerikanische Politik, die zwar schnell ein Land besetzen kann aber überhaupt keinen Plan für das danach besitzt als auch die bundesrepublikanische. Ich will keine ungerechtfertigten Gleichsetzungen ziehen, aber mir fällt eine ähnliche Planlosigkeit auf, wenn ich an die Überschwemmungskatastrophe in diesem Sommer, die zögerliche Klimapolitik und die Probleme in der Corona- „Verwaltung“ geht. Mutlosigkeit, Planlosigkeit, Verantwortungslosigkeit – fehlender Gestaltungswille. Ich habe immer den Eindruck, dass strategisches Denken in Deutschland (seit 1945) verpönt ist und daher kaum noch stattfindet . Es ist aber notwendig, weil man wissen muss, wo man hin langfristig will und wie man diese Ziele erreichen kann – und zwar in jeder Beziehung. Und weil man sich überlegen muss, welche Auswirkung heutiges Handelns auf zukünftige Ziele hat.

Es ist hier ein leichtes, die Schuld „den Politikern“ zuzuschieben – aber erstens sind auch „die Politiker“ weder ein einheitlicher Block noch eine einheitliche Klasse – und zweitens haben wir sie gewählt. Anbei: Christian Lindner plakatiert gerade: „Nie gab es mehr zu tun“ nur, er verrät uns leider nicht was zu tun ist, aber das sollen wir dann wahrscheinlich auch wieder den „Profis“ überlassen. Wünschen wir uns hier nicht alle zu oft einen starken Mann (der könnte natürlich auch weiblich sein – etwa eine Reinkarnation von Margaret Thatcher), der weiß was zu tun ist und der uns sagt, wo es lang geht? Nur, was tun, wenn der dann in eine Richtung geht, in die wir nicht wir nicht mitgehen wollen (der Verdacht beschleicht mich auch bei Christian Lindner)? Die Stärke der autoritären Regime ist – und das muss man sich immer bewusst machen – eine Scheinstärke. Sie beruht auf einer Fehlwahrnehmung die daher kommt, dass autoritäre Regime die Probleme ihrer Länder/Menschen/Politik eben nicht öffentlich machen sondern die freie Berichterstattung darüber unterdrücken – und Probleme, über die nicht berichtet wird existieren dann eben nicht!? Oder glaubt irgendwer, dass uns etwa die chinesische Regierung die volle Wahrheit über Corona – den Ausbruch, die Herkunft, die „erfolgreiche“ Bekämpfung oder etwa die Probleme dabei erzählt? Und warum sollte man glauben, dass etwa die Wirtschaftsdaten – mit denen wir uns ständig vergleichen- aus diesem extrem autoritären wie zentralisierten Land korrekt sind? Wer überprüft sie? Ich weiß, es gibt auch in unserer Gesellschaft den Vorwurf der „Systempresse“ (auch von linker Seite) – nur dieser Vorwurf hält einer näheren Überprüfung nicht statt und jeder der will kann sich über existierende Probleme von vielen Seiten informieren. Ein Problem stellt bei uns auch nicht die „Systempresse“ dar sondern viel eher (oft von dubiosen Milliardären betriebene) Privatmedien, wie bei uns die Bild-„zeitung“, in den USA Fox-News oder Breitbart, die Hetzkampagnen mit politisch problematischer Zielsetzung betreiben (oder die derzeitige dubiose Plakataktion im Wahlkampf gegen die Grünen).

Da auch keine unabhängige Justiz existiert, kann man sich – in einem autoritären Regime- auch bei niemandem beschweren und sein Recht einklagen. Man muss mich deswegen – unter der Hand – und mit viel Geld an die entsprechenden Stellen wenden um deren Wohlwollen zu erreichen. Das sollte uns alarmieren, denn so entsteht eine ausufernde Korruption und Korruption ist in autoritären Regimen systemimmanent, es wird nur nicht darüber berichtet. Und Korruption korrodiert jedes politisches und wirtschaftliches System – so wie eben jetzt das afghanische Regime.

Und darin sehe ich eine der großen Gefahren des Afghanistan-Debakels: Dieses offensichtliche Versagen des Westens, seine Unfähigkeit, seine Inkonsequenz und das im Stich lassen aller Afghanen (und Afghaninnen), die ihn und seine Werte*** unterstützt haben untergräbt – national und international das Vertrauen in dessen Werte wie in dessen Vertrauenswürdigkeit – und treibt viele Leute weiter in die Arme von autoritären oder „alternativen“ Heilsversprechern und Menschenverächtern wie Dschihadisten.

Noch etwas: Glaubt irgendwer in der modernen Wirtschaft, dass ein zentral gesteuertes, hierarchisches System einem dezentralen, welches auf Eigeninitiative und Verantwortung setzt dauerhaft überlegen ist?

Womit wir beim Sport und bei Lionel Messi sind – der jetzt zu Paris Saint-Germain gewechselt ist und nun auch von Katar (= Muslimbrüder) finanziert wird. Den russischen Oligarchen in London war er wohl auch zu teuer. Und der FC Barcelona hat immer auf Brustwerbung verzichtet und dafür den Unicef-Schriftzug getragen, dafür ist er jetzt Pleite. Welch ein Hohn!  Ist da noch Sport oder ist es nur noch der Missbrauch des Phänomens durch autoritäre Systeme? Nicht nur das „Brot und Spiele“ zur Ruhigstellung der Massen, sondern eine unfaire Sympathiewerbung unsympathischer Hintermänner. Oder gehört es in die Kategorie „wer hat den Größten“? Das ist sehr wichtig unter diesen Menschen – seien es Wolkenkratzer in Dubai, Paläste am Bosporus oder auf der Krim, Luxusjachten – oder Fussballclubs?

Auch die olympischen Spiele sind vorbei und die Deutschen haben versagt ! Mehrmals musste ich lesen, dass das US-Sportsystem viele effektiver wäre, weil die Amis viel mehr Medaillen gewonnen hätten. Bezieht man die gewonnen Medaillen aber auf die Bevölkerung der Länder, zeigt sich ein ziemlicher Gleichstand. Tatsächlich viel effektiver sind hier Länder wie die Niederlande, Australien, Neusseland, Norwegen, Ungarn (!), Schweiz (deren phamazeutische Industrie scheint der deutschen hier voraus zu sein!?), Schweden, …, die bezogen auf ihre Bevölkerungszahl jeweils ein vielfaches der deutschen und US-amerikanischen Erfolges hatten – aber von denen war in den Kommentaren nie die Rede. Ist das dann Denkfaulheit oder ist die Schule dran schuld, die anscheinend nicht den Unterschied zwischen absoluter und relativer Größe lehrt? Und – sollen Kommentatoren die so schreiben und Leute die so denken dann wählen gehen? Welche Folgen hat unterkomplexes Denken für eine komplexe Welt mit komplexen Problemen? Dann schon lieber „gendern“!

Eine trostlose Welt, eine kalte Welt – und ich kann als Atheist nicht mal auf Trost und Gerechtigkeit im Jenseits hoffen. Vor kurzem hatte ich wieder eine Begegnung mit der katholischen Kirche. Nach langem Bitten und Betteln kam der Pfarrer zu uns nach Hause und spendete unserem Sohn die Erstkommunion und die Firmung (das ist für schwer behinderte Kinder so möglich). Und da war es wieder – das was mich am Katholizismus so anzieht. Es sind nicht nur die Kirchenglocken, es ist nicht nur der feiertägliche Blick auf die Dorfkiche, es ist nicht nur die beeindruckende Kunst, der Barock. Es ist das „ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“, es ist das „gib uns deinen Frieden, es ist das „so wird meine Seele gesund“. Es ist der Trost, der in diesen Worten liegt. Ich weiß, für mich sind es eigentlich falsche religiöse Versprechungen, aber darum geht es mir nicht. Es ist dieser Wunsch, sich fallen lassen zu können in einen schützenden Schoss. Es ist dieser Wunsch, nach dem Ablegen seiner Fassade – dieses ein armer Sünder sein zu dürfen (bin ich als Atheist nicht auch ein armer Sünder?), nichts darstellen zu müssen, nicht perfekt sein zu müssen – und trotzdem unbedingt angenommen zu sein. Ich habe dieses Gefühl in den letzten Jahren mehrfach in katholischen Gottesdiensten erlebt (ich weiß nicht, ob das in evangelischen Kirchen auch so zu spüren ist) und merke, dass es mich ziemlich stark anzieht. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, der in der modernen Welt sonst fehlt und den der Mensch braucht. Ich bin nicht gläubig, aber die Riten und Gebete in denen diese Formeln gesprochen werden haben etwas sehr auto(-suggestives) an sich und sprechen mich daher unabhängig von meinem (Un)Glauben an. Ich weiß nicht, ob ich hier eine intellektuelle oder philosophische Lösung finde, dass mich so etwas trösten darf. Aber was solls, andere Leute bringen ganz andere Dinge zusammen, die sich widersprechen – und schließlich ist Ambiguitätstoleranz nicht nur eines meiner Lieblingswörter sondern eben auch eine Form der Toleranz – und Toleranz ist wichtig!

Anbei: Literarisch hab´ich auch noch was reingestellt: Die Katze und die Zwiebel , ich liebe doch Katzen und Ob Fliegen träumen , beiden wünsche ich neugierige Leser!

* Zu dem Thema möchte ich die Bücher vom Ahmed Rashid empfehlen, einem pakistanischen Journalisten und wohl einer der profundesten Kenner der Thematik. Dazu muss man aber anmerken, dass sich die Taliban in den letzten Jahren v.a. durch Schlafmohnanbau und Drogenhandel finanzieren, was sie natürlich auch nicht sympathischer macht.

**Vor einigen Jahren fand etwas Vergleichbares im Irak statt, als der IS die mit modernen Waffen ausgerüsteten irakischen Divisionen bei Mossul überrannte und deren Material übernahm. Man hätte vielleicht aus der Erfahrung lernen können?! Die Soldaten flohen oder waren nur auf dem Papier vorhanden, irgendjemand hatte aber jahrelang Sold für sie kassiert.

*** Ich habe dazu etwas im vorletzten Text geschrieben (etwa in der Mitte): … was „westliche Werte“ sind? Für mich sind es Errungenschaften wie die Demokratie, die Betonung des Eigenwertes des Individuums, die Universalität wie die Betonung der Menschenrechte, die Freiheit des Individuums, des Denkens, der Kunst und nicht (nur) der Reichtum und der Konsum. Auch das Recht zur Teilhabe und der Kritik an der Gesellschaft… usw. Es geht also eigentlich v.a. um humanistische Werte.

 

 

 

 

Es bleibt schwierig – Boris und der Rassismus

„Boris“ – was verursacht dieser Name mit Menschen, welche Assoziationen weckt er? Johnson? Becker? Boris the Spider? Palmer? Palmer? Ja, die Rassismusdiskussion ist wieder voll am Dampfen, wer hat`s gelesen? (Ich könnte hier dutzende links eingeben – das lohnt sich aber nicht, denn wenn man unter „palmer“ „aogo“ googelt kommen tausende erhellende Berichte)

Was reitet eigentlich den Oberbürgermeister einer deutschen Universitätsstadt, dass er zu solchen Äußerungen kommt? Ich habe sie gelesen und kann sie auch nicht als ironisch oder satirisch einordnen. Ist es die Profilierungssucht, welche die Borisse hier vereint? Vielleicht kommt es von daher, wenn man solche Dummheiten raushaut? Was reitet aber dann den Jens und den Dennis und den Lars und die Annalena? Na gut, der Jens hat die Nachricht an den Falschen gesendet, so ist der „Quotenneger“ aufgekommen, der Dennis wollte seine Kommentierung drastischer formulieren, so ist er bis zur „Vergasung“ gekommen. Gut, alle beide haben den medialen Tod verdient (das war jetzt sarkastisch gemint). Die Annalena – die hätte vielleicht einmal darüber nachdenken können, dass man erst den Angeklagten anhören soll, bevor man eine Verurteilung ausspricht! Immerhin, der Jens Lehmann und der Dennis Aogo haben sich ausgesprochen, Jens Lehmann hat sich entschuldigt. Und der Lars, ist der nicht Generalsekretär einer renommierten deutschen Kleinpartei? Der nimmt einfach alles mit! So bringt man die eigene Partei voran, wenn man den Grünen gleich ein „Rassismusproblem“ unterstellt.

Aber eigentlich ist es gar keine „Rassismusdiskussion“, denn es geht gar nicht um das Problem Rassismus, es geht viel mehr darum, dumme und vorschnelle Äusserungen von Menschen zu Verurteilen und sie damit  „unmöglich“ zu machen. Immerhin haben Jens Lehmann und Dennis Aogo Jobs verloren (ich denke, sie sind trotzdem nicht arm). Und bei Boris Palmer haben manche Grüne wohl lange auf die Gelegenheit gewartet, ihn abzusägen.

Natürlich sind dumme und rassistische Aussagen als solche zu verurteilen. „Trainieren bis zum Vergasen“, wie es Dennis Aogo sagte ist eigentlich nicht mal rassistisch (außer man fasst Juden als Rasse auf, so wie es die Nazis propagierten), es ist einfach nur geschmacklos und geschichtsvergessen den Tod von Menschen verharmlosend, ja als belanglos bzw. positiv zu kennzeichnen. Ich finde aber auch die überzogene, ja, hysterische Reaktion der Politkerseite bedenklich, denn sie ist Wasser auf die Mühlen jener, die ständig von der „Einschränkung der Meinungsfreiheit“ faseln. Ich habe den Eindruck, dass hier die eine Seite, die sich für die Vernünftigere hält, gar nicht merkt, wie sie die andere aufstachelt – und das halt ich für unklug. Ich will nicht, dass „Rassismus“ zu einem politischen Kampfbegriff verkommt – denn Rassismus ist eines der großen Probleme dieser Welt, dessen Verbesserung ein ernsthaftes, langfristiges Bemühen möglichst vieler verlangt.

Ich finde, dass es ein Problem unserer Zeit ist, dass wir heute mit dem Begriff „Rassismus“ nicht nur inflationär umgehen sondern auch um andere zu moralisch zu disqualifizieren und ich finde, wir müssen damit sehr vorsichtig umgehen. Mich erinnert das an die Tendenz der Antifa, jeden als „Faschisten“ zu bezeichnen, der ihrem (engen, eingefahrenem) Weltbild nicht entsprach. Und weil mir diese ideologische, inflationäre Verwendung dieses Begriffes Bauchschmerzen verursachte, verwandelte sich meine ursprüngliche Sympathie für die Antifa in meine heutige Ablehnung. Noch ein Beispiel: Ich las vor kurzem von einem älteren Herrn, der in einem Laden eines bekannten deutschen Discounters vor zwei dunkelhäutigen Menschen mehrmals demonstrativ den Begriff „Negerkuss“ verwendete. Ich denke, dass dieser Herr kein Rassist ist. Er ist zwar offensichtlich sehr unsensibel und unfähig, sich in eine andere Person hineinzuversetzen, aber wahrscheinlich ging es ihm darum, seinen Ärger darüber öffentlich auszudrücken, dass er diese Bezeichnung mit der er, wie ich, aufgewachsen ist, auf einmal nicht mehr verwenden sollte, weil sie rassistisch sei. Ich denke, er empfindet dies als eine Bevormundung, als Abwertung seiner Person durch andere, die sich hier moralisch über ihn stellen – und darauf reagieren Menschen allergisch. Der Discounter entschuldigte sich anschließend für den Zwischenfall, das Problem bleibt. Wahrscheinlich hat der alte Mann keine Einsicht gewonnen sondern fühlt sich seinerseits genötigt und gedemütigt – und er wird viele Menschen finden, die ihm verbittert Beifall klatschen, das Problem wird eskalieren. Das ist natürlich meine Spekulation, aber es ist die Gefahr, die ich sehe. Eine andere Lösung wäre gewesen, sich zusammen zusetzen, sich kennenlernen, miteinander zu reden. Ich denke, es gibt kein besseres Mittel als das gegenseitige Kennenlernen. In dem Fall so etwas, wie eine Mediation, die es ermöglicht Schuldzuweisungen zurückzustellen und das Gegenüber und seine Motivation und seine Ängste kenne und verstehen zu lernen. Aufgabe der Politik wäre es hier zu verbinden, zu kommunizieren und Ebenen und Möglichkeiten zu schaffen damit sich die Menschen besser kennen und verstehen lernen – und zwar ohne schulmeisterlichen oder moralisierenden Impetus. Wir müssen nun einmal alle in diesem Land zusammenleben – und das kann nur gelingen, wenn man versucht, möglichst viele Menschen für diese Gesellschaft zu gewinnen. einzubinden und den Zentrifugalkräften entgegenzuwirken.

Ich weiß, die „Identitätsdebatte“ ist voll am Dampfen (auch hier könnte ich viele links einfügen – als Humanist, nehme ich einen vom hpd) und ich befürchte, dass die Linke (nicht Partei, die „gesellschaftliche Linke“), durch die rigide, moralisierende Behandlung Anderer und derer Ansichten, diese Menschen abstößt und in die Arme der „Rechten“ treibt. Und das können wir uns nicht leisten. Ich halte es auch für problematisch, in einer Zeit von Hasskommentaren und „Shitstorms“ auf eine solche Art auf mediale Dummheiten zu reagieren. Mich stößt die undifferenzierte Unbarmherzigkeit der Reaktionen darauf ab, sie führt nur zu noch stärkerer Polarisierung. Warum bleiben wir nicht gelassener, differenzierter, versuchen mehr und offener miteinander zu reden? Wie kann man Rassismus bekämpfen, wenn man viele Menschen mit solchen Reaktionen abstößt? Wie kann man eine menschlichere Gesellschaft erreichen, wenn man den „Dummheiten“ und Schwächen der Menschen, mit so einer Unbarmherzigkeit begegnet?

Ich habe zu dieser Thematik ja schon einmal einen längeren Text (Jetzt-hab-ich-einen-tollen-Artikel-gelesen-Ueber-Gleichheit-Gleichwertigkeit-und-politische-Korrektheit) geschrieben. Jetzt habe ich einen über die Frage geschrieben, ob Immanuel Kant Rassist war, wie es in letzter Zeit immer wieder diskutiert wurde. Für mich ist das eine zentrale Frage, weil ich Kant einen wesentlichen humanistischen Ethiker unserer Zeit halte und ich ein Problem damit hätte wenn er Rassist wäre. Der zweite Teil des Textes widmet sich der Frage wie Handlungen im historischen Kontext überhaupt moralisch zu bewerten kann. Das betrifft dann eher den Herrn Bonaparte, der seinen 200. Todestag feiert oder auch den Herr Cäsar, dessen „Memoiren“ (de bello gallico) immer noch völlig unkritisch als Klassiker an den Schulen gelehrt wird.

Und „Boris the Spider“? Der ist natürlich schon lange tot, ein Opfer von  antiarachnischem Rassismus. Sein Mörder – John Entwhistle – ist auch schon lange tot. Schade, denn es gab nur wenige Musiker mit so viel Humor. Und es war nicht nur sein Humor, so wie er etwa in „My Wife“ zum Ausdruck kommt, der ihn auszeichnete, es war auch seine große Sensibilität und Tiefe.  Der Song „Trick of the Light“ lässt mich seit über 35 Jahren nicht mehr los. War es am Anfang eher die Härte, der Druck, die Gitarre und die Dynamik, die Droge des Hardrocks, so ist es inzwischen immer mehr der Inhalt, den ich sehr viel später zu versetehen begann. Jedes Mal, wenn ich diesen Song höre bekomme ich Gänsehaut. Wem die Musik zu hart ist, der muss sich den Text durchlesen. Er ist von einer ergreifenden lyrischen Kraft – ich wünschte mir ich könnte Ähnliches in einem Gedicht ausdrücken.

Um es mit Walter Giller zu sagen: Es bleibt schwierig!

P.S.: Blase Gedicht über die Atomisierung unserer Welt

P.P.S.: Mir sind da noch ein paar Gedanken gekommen was mein tieferes Anliegen betrifft. Dass Rassismus zu verurteilen und abzulehnen ist eigentlich selbstverständlich. Ich glaube, es geht um die Frage, was „Täter“ treibt, weil ich glaube, dass es nur möglich ist, dagegen anzugehen und damit umzugehen, wenn man sich offen mit deren Motivation beschäftigt. Ich denke, es geht hierbei sehr darum – diese Menschen ernst zu nehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ihre Ängste und Frustration zu begreifen. Ich denke es geht hier auch um das Gefühl vieler dieser Leute, dass andere, die oft sozial besser gestellt sind, sich über sie stellen wollen und sich als moralisch „besser“ darstellen. Ich denke, daher haben so viele Leute auch ein Problem mit Greta Thunberg und der Fridays-for-future-Bewegung oder Veganern – oder den Grünen. Sie nehmen diese als Kräfte wahr, die sich als „etwas Besseres begreifen, sich als moralisch überlegen darstellen und uns etwas wegnehmen wollen“. Und viele dieser Menschen denken sich, „ich habe so viele Probleme, warum kümmert sich die Politik denn nicht darum? Ich habe z.b. als „Ossi“ in meinem Leben Brüche und Zurücksetzung erfahren müssen – und jetzt soll ich der „Böse“ sein, der „Rassist“ sein?

Es geht um also die ernsthafte Wahrnehmung der Gefühle, der Frustration und der Ängste vieler (solcher) Menschen. Ich fürchte, dass viele „Linke“ (also eigentlich die „gute“ Seite, die sich um soziale Gerechtigkeit kümmert) diese Leute nicht mehr wahrnimmt und ernst nimmt bzw. es zumindestens so rüberkommt, weil es in den öffentlichen Debatten kaum mehr eine Rolle spielt (ich glaube, etwa Sahra Wagenknecht, schreibt hier ganz ähnlich). Und ich fürchte, dass das dazu führt, dass sich viele dieser Menschen dann dem rechten Rand zuwenden – der diese Frustrationen und Ängste aufnimmt und aggressiv populistisch formuliert. Ich schreibe das mal so: „wenn ich ein Rassist bin, weil ich „Negerkuss“ sage, dann könnt ihr in mir einen Rassisten haben! Dann wähl ich auch die Rassisten! So eine Art „böser-Buben-Effekt“, ein Trotzeffekt: bezeichnest mich als „bösen Buben“ – dann bin eben einer! Ich bin kein Psychologe, aber ich bin davon überzeugt, dass solche Zuschreibungeffekte eine große Rolle spielen – und wenn man dieses Verhalten als „dumm“ und „kindisch“ abtut, dann überhöht man sich ungerechtfertigterweise über diese Person – und erzeugt so erst recht Aggression.
Ich denke, dass dieser Effekt nicht unwesentlich zur Wahl von Donald Trump beigetragen hat – mit all ihren katastrophalen Folgen für die Welt (die momentanen Zustände in Israel/Gazastreifen hängen durchaus eng damit zusammen). Ich mache mir große Sorgen um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, unsere Demokratien und ich glaube, dass die derzeitige Identitätsdebatte verheerend ist, weil sie die demokratische Linke auseinanderdividiert und etwa notwendige Debatten um die Verteilung des Wohlstands in unserer Gesellschaft verschleppt.

Die Championsleague, Afghanistan und die westlichen Werte

Die Championsleague, Afghanistan und die westlichen Werte

Viele seltsame Dinge geschehen auf der Welt und das Kaninchen Deutschland sitzt inzwischen vor der 3. Pandemiewelle der „Schlange“ Corona – gelähmt, und tut nix. Mein Kopf ist so voll wie leer und so hab` ich lange nichts geschrieben (auch wenig Lyrik etwa „Schwarze Vögel“ oder „Das Glas der Pandora„). Der zweite Coronafrühling – und zum zweiten Mal sind die Magnolienblüten erfroren.

Ich wundere mich immer, warum niemand auf die Idee kommt, so etwas wie eine Corona-Task-Force, einen Think-Tank ins Leben zu rufen? Also ein Gremium, welches sich dauerhaft mit der Krisenbekämpfung beschäftigt. Welches versucht, möglichst viele Aspekte der Auswirkung der Pandemie – medizinische, soziale, wirtschaftliche– zu betrachten und daraus so etwas wie eine vorrausschauende Strategie zur Bekämpfung entwickelt?! Das sich vorausschauend mit den nötigen rechtlichen und organisatorischen, ethischen und psychischen Fragen beschäftigt und mögliche Problemfelder vorwegnimmt und ausräumt und auf neu auftauchende Probleme regiert. Ist es nicht das, was die Menschen bräuchten? Warum eigentlich nicht? Ist es so aus der Zeit gefallen Handlungsoptionen zu entwerfen und ihre Folgen in verschiedenen Bereichen möglichst gut abzuschätzen? Gabs das schon mal in der Menschheitsgeschichte? Mir fällt nichts entsprechendes dazu ein.

Wenn ich jetzt so nachdenke? Ein paar Fäden wieder aufnehme…?

Die Viertelfinals in der Championsleague, sind gespielt, Bayern ist raus, Flick ist weg (einer der menschlichen Anker in dieser Mühle), Dortmund sowieso. Die Halbfinals stehen: Chelsea, Paris, Real Madrid und Manchester City, oder sollte man besser schreiben: Russischer Oligarch gegen den Emir von Katar und Real Madrid gegen Dubai? Und wann war das damals, als Real sein Trainingsgelänge für eine halbe Milliarde Euro verkaufen konnte (auch mit Hilfe von EU-Geldern) und wie war das mit den Steuerschulden, die der spanische Staat nie eintreiben wird, weil Real wichtig für das Wohlbefinden des spanischen Bürgers ist?! Financial fairplay?  Und Roman Abramowitsch? Sollte es uns nicht freuen, wenn ein russischer Oligarch (was für ein unangenehmes Wort) sein sauer verdientes Geld in ein Hobby steckt um etwas Entspannung und Anerkennung zu finden?! Ich habe gehört, dass er seinerzeit immer der erste und letzte im Büro war und jede Milliarde im Schweiße seines Angesichts…! Oder der Emir von Katar, ein hart arbeitender, frommer Mensch, ein guter Muslim, der ansonsten noch mehr Milliarden in die Förderung des Islamismus stecken müsste? Dann doch lieber Paris, Fußball WM, Handball WM (war schon). Und die vielen toten Arbeiter? Ja mein Gott, keiner hat sie gezwungen nach Katar zu gehen. In dem Zusammenhang fällt mir die Meldung von dem Syrer ein, der in Dresden ein schwules Pärchen niedergestochen hat, weil diese ja Sünder seien. Er sagte aus, er sei sich dann doch zu unsicher gewesen (um auch den zweiten ganz zu töten und selber Märtyrer zu werden), er hätte zuvor beim Islamischen Staat nachfragen sollen – oder beim Emir von Katar, der kennt sich damit sicher auch aus. Naja, ist es besser, wenn man sich die Saudis anschaut, die ihr Geld aus dem Sport raushalten und dafür mehr in die wahhabitische Missionierung setzten, zum Beispiel von jungen afghanischen Flüchtlingen in Pakistan.

Ich höre jetzt auf, mich kotzt der heutige internationale Fussballbetrieb nur noch an (man verzeihe mir den Ausdruck) und ich kann darüber nicht mehr anders als sarkastisch schreiben. Mich wundert es nur, dass so vielen Menschen auf dieser Welt diese Hintergründe offenbar vollkommen egal sind.

Wobei, ich freue mich immer noch, wenn der FC Bayern gewinnt. Warum eigentlich? Es ist irgendwie noch eine Prägung aus der Jugend – mein München, mein Verein, ein Teil meines Leben. Und wie hab` ich gelitten, als sie damals gegen den HSV untergingen oder gegen Aston Villa (aus Birmingham), eine damals völlig namenlose Mannschaft, den Europacup der Landesmeister verschenkten. Birmingham?!

Was ist schon Birmingham? Napalm Death, Judas Priest, Black Sabbath! Zu Black Sabbath hatte ich nie einen größeren Bezug – aber ansonsten?! Welch` wichtigen Teil meines Lebens habe ich Birmingham zu verdanken! Welchen Trost hat nicht zuletzt „Painkiller“ meiner verletzten Seele gespendet? Und wie sich die Kreise schließen! Wie ich merke, dass man an jemandem anderem, also etwa Birmingham, die anderen Seiten kennenlernen muss. Möglicherweise ist es sogar einen Besuch wert? Einen Besuch bei Freunden!

Die Amerikaner ziehen aus Afghanistan ab – und die Bundeswehr auch, die Taliban leider nicht. Für mich kein Grund zur Freude, ich denke, dass es für viele Afghanen, vor allen Mädchen und Frauen eine äußerst bedrohliche Perspektive darstellt. Und für jeden afghanischen Mann, der kein sunnitischer Islamist ist ebenfalls (etwa für einen schiitischen Hazara, oder einen Schwulen). Ich fürchte, dass der Rückzug in den nächsten Jahren wieder neue Flüchtlingswellen hervorbringen wird, und bei uns wieder die lästige Diskussion über die Aufnahme von Flüchtlingen und in der Folge wird es die Kräfte am rechten Rand stärken. Wird es unsere Gesellschaft weiter Spalten – und was bräuchten wir mehr als ein Bewusstsein für die Probleme unserer Gesellschaft um in der Zukunft zu bestehen?

Warum sehen so viele in der deutschen Gesellschaft hier nur das wohlverdiente Ende „imperialistischer Ambitionen“ des „Westens“. Warum sieht keiner die Ängste und das Leiden der Afghanen? Nein, die Taliban sind kein Volksaufstand, keine Freiheitskämpfer gegen westliche Bevormundung. Die Taliban sind ein Produkt des pakistanischen Geheimdiensts, geschaffen aus Flüchtlingen, die man aus islamistisch orientierten Koranschulen rekrutiert hat, die vor allem von Saudi-Arabien finanziert wurden. Wahhabitisch indoktriniert, alles bekämpfend, was ihrer engen Auffassung des Islam widerspricht. Sicher die Saudis und das pakistanische Militärregime sind Verbündete des Westens – das heißt aber nicht, dass sie hier nicht ihre eigenen Interessen verfolgen.

Womit wir beim „Westen“ sind. Ich bin ja in den 80er Jahren in links-ökologischen Kreisen sozialisiert worden. Für uns war damals die USA gleichzusetzen mit dem Ursprung alles Bösen auf der Welt (Kapitalismus, Imperialismus, Umweltzerstörung), der rücksichtslose Täter, den es zu bekämpfen galt, gegen den sich die restliche Welt zusammenschließen musste und zu schützen hatte. Natürlich, das Unglück ging historisch nicht (nur) von den USA aus, sondern vom Kolonialismus der imperialistischen westlichen Mächte, und vom faschistischen Deutschland, aber das war sowieso ein eigenes Kapitel. Mit der Zeit lernte ich, die Welt etwas differenzierter zu betrachten. Viele nichtwestliche Regime und Staaten sind historisch nicht nur Opfer sondern genauso Täter wie „der Westen“. Viele dieser Regime verfolgen ihre völlig eigenen Ziele ohne vom „Westen“ dazu genötigt zu werden, ich denke hier etwa an das syrische Regime, an Saudiarabien, an Russland unter Putin.

Ich nehme aber wahr, dass viele Menschen kaum willens sind, ihre überkommenen, liebgewonnen (?) Denkschemata aufzubrechen. Aber was ist denn eigentlich der „Westen“? Existiert er überhaupt (noch)? Ich halte das Problematische an diesen Denkschemen nicht nur, dass es uns hindert, wahrzunehmen, was an unseren Gesellschaften positiv und zu verteidigen ist – sondern dass das Vorurteil vom „bösen Westen“ oft wunderbar korreliert mit den unseligen Verschwörungstheorien, in denen einer Gruppe – den Reptiloiden, den Illuminaten, den Freimaurern, Bill Gates (ist keine Gruppe) oder dem Finanzkapital (= Juden) zugeschrieben wird, diese Welt nach ihrem Willen zu steuern, zu knechten. Und auch diejenigen können sich leicht hier wiederfinden, die, geschichtsvergessen und die deutsche Vergangenheit relativierend, Deutschland als nicht zum Westen gehörend betrachten und der Bundesrepublik ihr Existenzrecht absprechen (wie die „Eurasier“ und „Reichsbürger“)

Ich habe mich natürlich auch gefragt, für was denn der „Westen“ steht, was „westliche Werte“ sind? Für mich sind es Errungenschaften wie die Demokratie, die Betonung des Eigenwertes des Individuums, die Universalität wie die Betonung der Menschenrechte, die Freiheit des Individuums, des Denkens, der Kunst und nicht (nur) der Reichtum und der Konsum. Auch das Recht zur Teilhabe und der Kritik an der Gesellschaft. Für mich sind die zentralen Punkte, die ich für gut und richtig halte, die ich für sehr gefährdet halte und für die ich einstehen will! Im Prinzip sind es die Werte des Humanismus und der Aufklärung. Und diese sehe ich heute an vielen Fronten relativiert und angegriffen. Im Kern durch Rassisten, Islamisten, Antidemokraten. Das sind jedoch wenige, viel gefährlicher ist das weite fruchtbare, relativistische Feld derjenigen, die mit diesem Gedankengut, auch nur in Teilen sympathisieren. Das sind Menschen, die manche Menschen für weniger wertvoll als andere halten, etwa weil sie eine andere Hautfarbe oder eine andere Weltauffassung haben, die in der Krise mit der (angeblichen) Leistungsfähigkeit von autoritären Regimen sympathisieren, das sind diejenigen, die wissenschaftliche Forschung lächerlich machen (denn diese ist ein zentraler Pfeiler der Aufklärung), die unsere Regierung als „Merkel-Regime“ diffamieren. Es sind diejenigen, die demokratischen Institutionen und demokratischen Prozessen ihren Respekt verweigern. Denn eine humanistische Weltauffassung, die vom Eigenwert des menschlichen Individuums und der Gleichwertigkeit alles Menschen ausgeht ist grundlegend an eine demokratische Regierungsform gebunden. So eine Weltsicht schließt a priori jede Form von Diskriminierung auf Grund von Rasse, Geschlecht oder eines anderen unveränderlichen Merkmals aus. Sie schließt autoritäre und menschenverachtende Systeme aus, sie schließt Imperialismus und Kolonialismus aus. Sie fordert aber auch das Einstehen für diese Werte gegenüber allem was dem widerspricht und seien es vorgeschobene kulturelle oder religiöse Auffassungen.

Was hat nun Afghanistan von der westlichen Intervention? Nicht viel! Das Problem ist, dass „der Westen“ nie konsequent seine Werte verfolgt hat, dass er sie immer wieder seinen Machtinteressen (siehe die Geschichte des kalten Kriegs) und kommerziellen Interessen geopfert hat. Dass er bei der Zusammenarbeit mit zweifelhaften und/oder verbrecherischen Regimen diese Werte weder eingefordert noch sie glaubhaft vertreten hat, ja, sie regelmäßig verraten hat. Noch nicht einmal in der „urwestlichen“ Institution der EU, gegründet, um Nationalismus in Europa zu überwinden wird auf die eigenen Grundwerte irgendein Wert gelegt (Orban! Polen!). Das Problem ist, dass „der Westen“ überall auf der Welt jene im Stich lässt (etwa in Syrien oder Afghanistan) die diese „westlichen“ Werte vertreten und in einer offenen humanistischen Gesellschaft leben wollen. Die logische Konsequenz ist, dass inzwischen (fast) niemand mehr „den Westen“ und seine Werte für glaubwürdig oder verteidigungswürdig hält. Und damit sind wir wieder beim Zustand der Championsleague. Ich sehe aber nirgendwo eine akzeptable Alternative zu diesen Werten, für mich sind sie alternativlos, wachen wir endlich auf! Treten wir endlich für unsere Werte ein!

Wie gesagt, die Magnolienblüte ist erfroren, warten wir also auf die Kirschblüte, die Apfelblüte!

Nachtrag aus aktuellem Anlass:

Als ich den Text oben schrieb, wusste ich noch nichts von der Superleagueplänen an denen drei der erwähnten Clubs beteiligt sind/waren. Gott sei Dank ist diese Ausgeburt des ultimativen Kommerzes wieder vom Tisch. In der Süddeutschen Zeitung las ich dazu einen interessanten Artikel mit etwa folgendem Inhalt: Paris SG hat sich von vorneherein als einziger der erwähnten Clubs nicht beteiligt – und zwar, weil der Großteil des Geldes für die Superleague aus Saudiarabien kommen soll. Der Pariser Club wird jedoch aus Katar finanziert, welches mit Saudiarabien spinnefeind ist (Wahabismus vs. Muslimbrüder, hab ich schon mal geschrieben). Chelsea wäre dann abgesprungen, weil es ja vom russischen Oligarchen Abramovich abhängig ist, der wiederum auf das Wohlwollen des Herren Putin aus Leningrad angwiesen ist – und dieser wäre nicht erfreut gewesen, weil russische Clubs – mangels internationaler Attraktivität – nicht in die Superleague eingeladen worden wären. Manchester City, vom feingeistigen Herrn Guardiola trainiert, wird aus Dubai finanziert – und Dubai will weltoffen wirken (Oktoberfest 2021!) und hätte mit dem Nachbarn Saudiarabien als Sponsor der Superleague ein Imageproblem. Ein Witz?

Zu den „Werten des Westens“ habe ich gerade einen Artikel über die Reaktionen auf die aggressive chinesische Außenpolitik gelesen habe, die etwa den deutschen Parlamentarier Reinhard Bütikofer mit Sanktionen belegt, weil dieser es gewagt hat, die Einhaltung von Menschenrechten gegenüber den Uiguren zu forden. Und wie reagiert unsere Politik? Überhaupt nicht! Sie läßt nicht nur solche Menschen sondern auch andere westliche Staaten, wie Schweden, Kanada oder Australien, die von China aggressiv behandelt im Regen stehen. Und vergessen wir nicht Honkong! Es ist nur traurig – keinerlei Solidarität für Menschen und Staaten, die für Demokratie und Menschenrechte einstehen. Wie soll irgendwer auf der Welt „den Westen“ und seine Werte (die auch meine Werte sind) denn noch ernst nehmen, wenn man mit sich alles machen läßt und nicht einmal protestiert?

Gott sei Dank ist der Sultan vom Bosporus nicht so mächtig wie China, sonst ginge es dem Herrn Biden wohl ebenfalls sehr schlecht, der hat es nämlich gewagt, den Völkermord an den Armeniern klar als solchen zu bezeichnen. Wie kann er es wagen!?

 

 

Jetzt hab ich es auch getan … Prometheus und die Championsleague

Jetzt hab ich es also auch getan, ein Prometheus -Gedicht geschrieben – und damit in eine Reihe mit Goethe gestellt;), und ich hab`s nicht mal gewußt sondern bin durch einen Freund darauf aufmerksam gemacht worden. Mich fasziniert das Prometheus-Thema schon sehr lange und ich habe noch einen längeren Text dazu verfasst (Prometheus Teufel Kant ). Die Punkte die mich darin beschäftigen, sind Fragestellungen wie die nach der Infragestellung der Autorität Gottes (oder der Götter) und die grausame, überzogene Reaktion darauf. Das Thema der Emanzipation von Autoritäten und der damit verbundenen Konflikte – und die Fragen, in wie weit sich dieses Thema in Teufelsfiguren (Luzifer, Diabolos) und in der Aufklärung wiederspiegelt. Auch die Frage, ob wir derzeit – so empfinde ich es – eine Gegenreaktion zur Aufklärung erleben, die ebenso heftig und überzogen wirkt, wie die Reaktion Gottes auf Prometheus. Aber wie hier geschrieben – viele Fragen – keine oder wenige Antworten.

Das zweite Thema das mich hier juckt ist er „Rassismusskandal“ in der Championsleague vom 8.12. beim Spiel zwischen Paris SG und Basaksehir Istanbul. Ich war fast versucht, es so zu schreiben: Eisige Stille drang in die Reihen der Soldaten des Sultans – wo sie standen, in Syrien, in Bergkarabach, in Libyen, auf den Schiffen in der Ägäis. Einer der ihren war beleidigt worden und wären sie nicht gebunden in den ehrenhaften Kämpfen für die Größe des Sultans und seines Reiches – sie wären nach Paris gekommen um Rache zu nehmen. Auch die Söldner es ehrenhaften Emirs von Qatar, jenes uneigennützigen Förderes des Dschihad und des Fussballs, stolzer Herrscher über ein Millionenheer in Leibeigenschaft gehaltener Gastarbeiter waren fassungslos und standen in Solidarität zu ihren Kameraden aus Istanbul. Ein Aufschrei der Empörung raste um und durch die freie Welt – ein Rumäne (der 4. Offizielle), hatte den dunkelhäutigen Assistenztrainer von Istanbul gegenüber dem rumänischen Schiedsrichter als „negru“ bezeichnet! (Das ist rumänisch und heißt einfach „schwarz“) und er sollte Gott danken, dafür nicht vernichtet worden zu sein.

Noch einmal, ganz ohne Sarkasmus: Selbstverständlich ist jede Form von Rassismus zu verurteilen und natürlich ist es sehr wichtig, Sensibilität dafür zu entwickeln, was betroffene Personen als diskriminierend empfinden. Ich wundere mich nur darüber, dass es niemand als Skandal empfindet, wenn die Mannschaft des „Sultans“ (Erdogan) auf die des Emirs von Qatar trifft – beides autoritäre Regime, in denen die Menschenrechte nichts gelten, die eine aggressive Außenpolitik betreiben (ich weiß, Qatar ist sehr klein, befördert aber auf viele Art, etwa durch undurchsichtige Spenden z.B. zur Finanzierung der Muslimbruderschaft oder Al-Jazeera als Propagandasender, den Islamismus) und den Sport zu Propagandazwecken benutzen. Ich weiß auch nicht, wer von euch weiß, dass Erdogans AKP historisch der Muslimbruberschaft (z.B.: Ägypten) nahe steht, die ja von Qatar aus mitfinanziert wird. Und daher auch in Gegnerschaft zum Herrscherhaus von Saudi-Arabien steht, welches das Konkurrenzmodell des Wahhabismus exportiert. Tja, der Feind meines Feindes …

 

Corona, Erbschaften, Islamismus und der Herbst

Corona, Erbschaften, Islamismus und der Herbst

Jetzt hab` ich länger nix geschrieben – seit Anfang September. Es war ziemlich viel Stress und mein eigener Gesundheitszustand war auch nicht gut und ich konnte mich kaum konzentrieren. Trotzdem gibt es natürlich sehr viel, was mich beschäftigt hat. Die zweite Corona-Welle, die im Moment sehr beängstigende Ausmaße annimmt. Einige Artikel über Wirtschaft und schließlich die neuesten Fälle von islamistischem Terror, der Fall des französischen Lehrers Samuel Paty, oder der Anschlag in Dresden. Also:

Corona

Im Moment explodieren die Zahlen und haben – ich möchte nicht sagen fast etwas Apokalyptisches an sich und der Winter hat noch nicht mal begonnen. Sicher, die Todeszahlen sind sehr niedrig und offensichtlich sind die Behandlungsmethoden besser geworden. Aber es ist wieder dieses Gefühl der Ohnmacht und Unsicherheit da – so wie im Frühjahr. Die Gedanken, ob ich nicht doch die Klavierstunde absagen soll, oder den Termin bei der Physiotherapie – und zum Frisör müsste ich eigentlich auch – aber jetzt? In der Schule ist die Situation – Maskenpflicht im Unterricht sehr unangenehm, man versteht sehr viel weniger, man nimmt die Mimik der Schüler und Kollegen kaum mehr war…, zwei Kollegen wurde infiziert, die Einschläge kommen näher. Ich habe mal nach der berühmten spanischen Grippe (Ärzteblatt) gegoogelt mit damals  weltweit vielen Millionen Toten. In Deutschland gab es damals – unter unsäglichen hygienischen und humanitären Bedingungen etwas mehr als 400.000 Tote (sehr grob geschätzt) bei etwa 60 Millionen Einwohnern (heute sind es 83 Millionen) in drei Wellen. Ich will das jetzt nicht mit Corona vergleichen – aber ich denke mir, dass es heute wohl wesentlich weniger wären – vielleicht auch nur 10.000 – so wie im Moment. Global gesehen wütet das Virus ja sehr heftig – und die Intensität nimmt nicht ab – und ich blicke wie das Kaninchen auf die Schlange und kein Ende in Sicht.

Ich persönlich merke, dass ich immer wieder mit meiner Angst (vor der eigenen Endlichkeit und Ohnmacht)  kämpfe, gleichzeitig eine große Wut auf diejenigen entwickle, die sich in so einer Situation ignorant und  destruktiv verhalten und ich fühle mit denjenigen, deren Existenz im Moment bedroht ist (nicht nur die physische sondern die wirtschaftliche). Ich sehe aber in so einer Krise vielleicht auch die Chance der Gesellschaft wieder mehr zur Besinnung zu kommen. Ich meine das in dem Sinne, dass ich oft den Eindruck gehabt habe, dass viele Menschen gerade in Wirtschaftskreisen davon ausgegangen sind, dass sich die Weltwirtschaft – quasi wie in einer virtuellen Welt- losgelöst von jeder Realität – endlos, ja maßlos weiterentwickelt. Und viele Menschen haben – meiner Wahrnehmung nach- geglaubt, in einer Welt zu leben in der alles selbstverständlich ist. In der man eine Garantie hat, mindestens 80 Jahre bei guter Gesundheit zu leben, jedes Jahr mehrfach in den Urlaub zu fliegen und zu konsumieren, zu feiern,  zu konsumieren, zu feiern, zu konsumieren, als wäre das alles Gottgegeben und als gäbe es kein Morgen. Und man wäre gleichzeitig gegen jede Unbill versichert – oder es gebe zumindest einen Schuldigen, den man anklagen könnte -ein Deutschland oder Europa als Insel der Seeligen, losgelöst von den Realitäten dieser Welt. Vielleicht ist das auch eine der Ursachen, warum so viele (im Moment?) irrationalen Weltbildern bzw. absurden Verschwörungstheorien nachlaufen – die Kränkung darüber, dass ihr „Weltanspruch“, ihre Sicherheit und auch ihre Eitelkeit und Bequemlichkeit in Frage gestellt wird – nun nicht mehr gelten soll.

Ich halte die Coronakrise daher auch für eine Chance, wieder demütiger an das Leben, an die Existenz heran zu gehen. Es ist eben nicht alles sicher, es ist nicht alles selbstverständlich und – das Leben ist kostbar – jedes (menschliche) Leben. Wir müssen bewusst damit umgehen. Die freie Gesellschaft, die Demokratie, das Recht auf Bildung, auf körperliche Unversehrtheit, auf die Teilhabe am (materiellen) Fortschritt – das sind alles Dinge, die eben nicht selbstverständlich sind, sondern für die die Menschen jahrhundertelang kämpfen mussten. Es sind die Errungenschaften der Aufklärung, den Menschen als ein Wesen von eigenem Wert zu sehen (unabhängig von einem „göttlichen Wert“) und damit verbunden die Offenheit Fragen zu stellen und Wissenschaft zu betreiben. Und damit wiederum die Chance, Erkenntnisse zu gewinnen und den materiellen und medizinischen Fortschritt zu erzielen der uns unser gutes, sorgloses Leben erst ermöglicht. Ich finde es wichtig, das nie zu vergessen, das nie als selbstverständlich zu erachten und dafür zu kämpfen!

 

Erbschaft

Ich habe ja vor einiger Zeit einen Text zum bedingungslosen Grundeinkommen verfasst – jetzt habe ich wieder zwei interessante Texte gelesen. Zunächst ein  Interview mit Thomas Piketty auf brand1, indem er beklagt, dass mit Erbschaften die größten sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten darstellen, weil sie – per Zufall der Geburt einige stark bevorteilen und die meisten in die Röhre schauen und unsere sozialen Unterschiede nicht nur zementieren sondern vergrößern. Ich halte das auch für eine wesentliche Ursache der großen sozialen Schieflagen unserer Gesellschaft(en). Ich denke, etwa in München kann sich fast nur ein Haus leisten, wer eines erbt – ohne irgendeinen eigenen Verdienst dazu erbracht zu haben- während viele hoch qualifizierte, gutverdienende Menschen darauf keine Chance haben (von Leuten wie Polizisten oder Altenpflegerinnen gar nicht zu sprechen). Ich halte das für eine wesentlichen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft. Wenn ich dann lese, dass der Steueranteil an Erbschaften gerade mal zwei Prozent beträgt – dann bleibe ich sprachlos zurück. Warum beträgt der Steueranteil an menschlicher Arbeit denn soviel mehr? Warum wird nicht ein gewisser Anteil der Erbschaften – sagen wir 25 % – das wären dann jedes Jahr etwa 100 Milliarden Euro- in gesellschaftliche, soziale Bereiche investiert, wo dringender Bedarf herrscht, wo sie der Gesellschaft zu kommt – die ja das Eigentum des Einzelnen so gut schützt? Man könnte dieses Geld etwa in die Pflege, die Gesundheitsvorsorge, die Bildung investieren? Der Bekämpfung von Armut oder Aufstockung von Renten für Mütter? Steuerliche Entlastung von Arbeitseinkommen? Thomas Piketty schlägt eine „Erbschaft für jeden“ von 120.000 Euro vor. Ich halte genau das aber für genauso wenig sinnvoll wie das Grundeinkommen – Gießkannenprinzip statt gezielter Einsatz an den Stellen, wo es sinnvoll wäre. Wenn wir jetzt noch das Geld dafür aufbringen – etwa durch den „allgemeinen Gelddrucker“…- doch halt, dazu habe ich auch etwas interessantes gelesen: Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Stefanie Kelton meint, dass es durchaus sinnvoll sein kann ungedeckt „Geld zu drucken“ – aber – eben nur, wenn es für etwas investiert wird, was zu einer Erhöhung der volkswirtschaftlichen Produktivität führt. Sie führt hier als Beispiel die Einstellung arbeitsloser Lehrer(innen) an um Kindern größere Bildungschancen zu kommen zu lassen und diese dann zu einer tragenderen Rolle in der Gesellschaft zu befähigen. Eigentliche das alte Schema, sich Geld zu leihen/zu drucken um sinnvolle Ressourcen zu fördern. Ich halte diese Ansätze für ungleich sinnvoller – als Erbschaft für jeden und bedingungsloses Grundeinkommen.

Islamismus und ….

ja, das Schicksal des französischen Lehrers trifft mich sehr – und ich denke, dass wir in unserer Gesellschaft endlich beginnen müssen uns auch mit dem Thema Islamismus ernsthaft auseinanderzusetzen – und eben nicht so oberflächlich und entschuldigend wie bisher. Ich denke, hier geht es sehr viel um das Thema: falsche Rücksichtsnahme, mangelnde Kommunikationsfähigkeit (und -bereitschaft) und natürlich sehr um das Problem der Identität von Menschen in einer Zuwanderungsgesellschaft. Ich werde versuchen meine Gedanken dazu aber mal in einem anderen Text formulieren – das überfordert mich im Moment – und hier.

Und eigentlich ist ja Oktober und es ist Herbst und ich finde der Herbst verdient auch es in seiner Schönheit und seinen wahrgenommen zu werden…ich will ihm eine Chance dazu geben, denn er kann ja nichts für diese Welt!