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Von Konstantin Wecker zu Zardoz

 

Wie immer, wenn mir was im Kopf umgeht und ich etwas schreibe kommt mir jemand anderes zuvor, diesmal war es Lamya Kaddor, die ich sehr schätze mit ihrer Kolummne Wie Joe Biden den Abstieg des Westens beschleunigt. Sie schreibt darin sehr vieles von den Gedanken, die mir ganz ähnlich kommen, vom Verrat an den westlichen Werten und an den Menschen, die auf sie vertrauten, vom Alleinlassen der Menschen in Afghanistan, wie zuvor schon in Syrien und anderen Ländern. Von den damit verbundenen negativen Folgen und dem Verlust von Einfluss in dieser Welt, die Ordnung und Hoffnung so nötig hat. Vielleicht wirkt sie hierbei  glaubwürdiger als ich, denn sie ist Muslima.

Ich habe viele meiner Gedanken zu diesem Thema ja schon in den vergangenen Texten geschrieben – jetzt habe ich noch einmal einen längeren Text unter dem Titel Zardoz geschrieben: Darin geht es um die Widersprüchlichkeiten der heutigen Welt, die Notwendigkeit, unsere Zivilgesellschaft zu schützen und zu fördern und um die Gefahr, die ich in der Verführung der Menschen durch Populismus und autoritäte Systeme, durch vermeintlich einfache Lösungen. Warum der Text „Zardoz“ heißt? Da muss man ihn lesen!

Dazu drei längere Anmerkungen:

1.) Ich habe mehrfach versucht, Lamya Kaddor zu kontaktieren, weil sie in einem Artikel auf der Webseite qantara schreibt, es fehlt ihr an einem Dialog zwischen Muslimen und Atheisten. Ich fände das auch sehr spannend, aber sie hat nicht zurückgeschrieben. Wenn mir einer hier helfen kann? Qantara ist sowieso eine tolle Seite für jeden, der sich für die muslimischen Länder, ihre Kultur, ihre Probleme und Entwicklung sowie die Beziehungen zwischen ihnen und dem Westen interessiert – und es ist eine ideologiefreie Seite.

2.) Ich war in meiner Jugend immer ein großer Konstantin-Wecker-Fan, ich war immer ein großer Bewunderer seines eleganten und gekonnten Umgangs mit der deutschen Sprache und natürlich seiner Musik, seiner Leidenschaft. Vor kurzem habe im Radio ein neues Lied, Utopia von ihm gehört. Ich habe es nicht ausgehalten, habe es nach nicht einmal einer Minute abgeschaltet. Warum? „ohne ehrgeiz, ungehetzt, alle leben nur im jetzt“, Im weiteren Liedtext schreibt er zwar: „nennt mich einen Spinner“ „nennt es weltfremd“ und  aber ich konnte den Text einfach nicht ertragen. Ich denke wir leben in einer Welt, die uns vor große Probleme und Herausforderungen stellt. Innerhalb unserer Gesellschaft habe ich ein Problem mit den Leuten, die den großen Vereinfachern folgen (Populisten wie Vertretern von Verschwörungstheorien). Unsere Welt ist komplex und verlangt daher differenziertes Denken und keine Ignoranz – unsere Probleme sind nicht mit der Pipi-Langstrumpf-Methode zu lösen. Und genau das vermittelt mir der Wecker-Song: Alles wäre schön, wenn wir lieb miteinander wären. Alles wäre gut, wenn wir gut wären. Ich empfinde den Text nicht mehr als „poetisch“ sondern nur noch als peinlich-dümmlich. Man verzeihe mir diese harten Worte. Hat er jemals darüber nachgedacht, dass wir fast alles, was unser Leben sicher und angenehm machen dem Ehrgeiz, der Leistungsgesellschaft und der Anstrengung von anderen Menschen verdanken? Sei es die Spritze beim Zahnarzt, sei es das Fahrrad, das und unweltfreundlich von A nach B bringt, sei es der gute italienische Rotwein, der dem Künstler zu solchen Höhenflügen verhilft, sei es das Radio, welches seine Zeilen in eine Welt trägt, die darauf gewartet hat.

3.) Interessant ist immer bei Artikeln, bei denen es um das Versagen des Westens geht, wie schnell und mit welcher Häme die Putin-Fans und Chinaverehrer auf den Zug springen. Ich weiß nicht wie viele das sind und ob sie alles bezahlte Trolle sind, aber ihre Argumente finde ich oft äußerst problematisch. Neulich habe ich nach „Medien politische Ausrichtung“ gegoogelt. Da taucht an prominenter Stelle ein Schema (mehrfach) auf, bei dem das wesentliche Kriterium zur Beurteilung „Nato-konform oder Nato-kritisch“ ist. ich musste feststellen, dass ich total einseitig informiert bin, weil ich eher auf Medien wie die Süddeutsche, die Zeit oder ähnliches Lese – das ist Pro-Nato Hetze! Zum Ausgleich sollte man öfter bei den Freunden von RussiaToday, china.org oder KenFM reinschauen. Ken Jebsen kennt sich ja auch sonst sehr gut mit alternativen Wahrheiten aus, man frage auch bei Xaver Naidoo nach.

Bleibt noch die Weisheit von Angela Merkel: „Hinterher, im Nachhinein präzise Analysen und Bewertungen zu machen, das ist nicht wirklich kompliziert. Hinterher, im Nachhinein alles genau zu wissen und exakt vorherzusehen, das ist relativ mühelos.“ Ja klar, woher hätte man denn auch wissen können, dass der Winter kommt, dass man schauen hätte sollen, bevor man die Straße überquert, dass CO2 Infrarotstrahlung (= Wärmestrahlung) absorbiert, dass man von Rand der Welt fällt, wenn man zu weit segelt,…

P.S.:

Auch gut: Joe Biden will die Attentäter des Selbstmordanschlags auf dem Kabuler Flughafen zur Rechenschaft ziehen.

P.P.S.:

Das fehlende „i“ bei Xaver Naidoo ist kein Druckfehler sondern soll sein „deutsch sein“ betonen. Nein, das ist nicht rassistisch gemeint sondern eine Anspielung auf den Nationalismus, den dieser Herr an den Tag legt.

P.P.P.S.:

In „Zardoz“ spielt Beethovens 7.Symphonie eine tragende Rolle als Filmmusik. Das ist wichtig, weil es meine Lieblingssymphomie meines Lieblingskomponisten ist und eine Musik (vor allem der zweite Satz), die mich immer wieder zu tiefst berührt und mir eine Gänsehaut macht. Ich bin immer am überlegen, was dieses Stück hat, dass es mich so bewegt und ich bedaure, dass es meine Ausdrucksfähigkeit so überfordert, über Musik zu schreiben. Darin liegt etwas zu tiefst zauberhaftes, sehnsuchtsvolles, melancholisches, leicht schräges – ich bin jedesmal überwältigt! Und warum packen mich dann andere oft Stücke gar nicht?

 

 

Die Taliban, Lionel Messi und ein atheistischer Katholik

Die Taliban, Lionel Messi und ein katholischer Atheist

Jetzt ist es also passiert, …die TalibanInnen (wahrscheinlich kann man sich hier das Gendern sparen, die Frauen kommen ja erst im Paradies dazu) haben Afghanistan überrannt, „der Westen“ schaut zu und in die Röhre. Mich hat die Schnelle des Zusammenbruchs des afghanischen Regimes dann doch überrascht, die Taliban sind keine afghanische Volksbewegung (sie sind ein Kind des pakistanischen Geheimdienstes und vor allem saudischer Finanzierung)* und werden nicht von einer breiten Massenbewegung unterstützt. Einen interessanten Artikel dazu las ich in der NZZ. Dieser erklärt plausibel, wie u.a. die Wurstigkeit und mangelnde Kontrolle der westlichen Investoren einen Staat aufbauen half, der zutiefst von Korruption geprägt und zerfressen war. Inklusive Geistersoldaten (das sind Soldaten, die nur auf dem Papier existieren, damit jemand dafür Geld kassieren kann) und hungernder (=unmotivierter) Armeeeinheiten, deren Soldzahlungen an anderer Stelle versickerten**.

Ich habe schon einmal geschrieben, dass es ich kein Freund dieser verkürzten „der Westen ist an allem Schuld“-These bin. Natürlich geht das Debakel in Afghanistan in wesentlichen Punkten auf ein Versagen der Politik der USA und zum Teil von deren Verbündeten zurück, aber diese These unterstellt immer, dass „der Westen“ ein relativ einheitlicher Block wäre, der unter der Führung von Politikeliten eine langfristige, konsistente, zielgerichtete Welt(-Politik) verfolgte – und das erinnert mich stark an die Grundlage vieler Verschwörungstheorien (erinnert sei hier an Begriffe wie „Finanzjudentum“ und „Deepstate“).

Mir scheinen die Geschehnisse eher das Gegenteil zu nahezulegen, sie offenbaren eher eine unglaubliche, entsetzliche Planlosigkeit und Naivität, ja Ignoranz. Dies betrifft sowohl die US-amerikanische Politik, die zwar schnell ein Land besetzen kann aber überhaupt keinen Plan für das danach besitzt als auch die bundesrepublikanische. Ich will keine ungerechtfertigten Gleichsetzungen ziehen, aber mir fällt eine ähnliche Planlosigkeit auf, wenn ich an die Überschwemmungskatastrophe in diesem Sommer, die zögerliche Klimapolitik und die Probleme in der Corona- „Verwaltung“ geht. Mutlosigkeit, Planlosigkeit, Verantwortungslosigkeit – fehlender Gestaltungswille. Ich habe immer den Eindruck, dass strategisches Denken in Deutschland (seit 1945) verpönt ist und daher kaum noch stattfindet . Es ist aber notwendig, weil man wissen muss, wo man hin langfristig will und wie man diese Ziele erreichen kann – und zwar in jeder Beziehung. Und weil man sich überlegen muss, welche Auswirkung heutiges Handelns auf zukünftige Ziele hat.

Es ist hier ein leichtes, die Schuld „den Politikern“ zuzuschieben – aber erstens sind auch „die Politiker“ weder ein einheitlicher Block noch eine einheitliche Klasse – und zweitens haben wir sie gewählt. Anbei: Christian Lindner plakatiert gerade: „Nie gab es mehr zu tun“ nur, er verrät uns leider nicht was zu tun ist, aber das sollen wir dann wahrscheinlich auch wieder den „Profis“ überlassen. Wünschen wir uns hier nicht alle zu oft einen starken Mann (der könnte natürlich auch weiblich sein – etwa eine Reinkarnation von Margaret Thatcher), der weiß was zu tun ist und der uns sagt, wo es lang geht? Nur, was tun, wenn der dann in eine Richtung geht, in die wir nicht wir nicht mitgehen wollen (der Verdacht beschleicht mich auch bei Christian Lindner)? Die Stärke der autoritären Regime ist – und das muss man sich immer bewusst machen – eine Scheinstärke. Sie beruht auf einer Fehlwahrnehmung die daher kommt, dass autoritäre Regime die Probleme ihrer Länder/Menschen/Politik eben nicht öffentlich machen sondern die freie Berichterstattung darüber unterdrücken – und Probleme, über die nicht berichtet wird existieren dann eben nicht!? Oder glaubt irgendwer, dass uns etwa die chinesische Regierung die volle Wahrheit über Corona – den Ausbruch, die Herkunft, die „erfolgreiche“ Bekämpfung oder etwa die Probleme dabei erzählt? Und warum sollte man glauben, dass etwa die Wirtschaftsdaten – mit denen wir uns ständig vergleichen- aus diesem extrem autoritären wie zentralisierten Land korrekt sind? Wer überprüft sie? Ich weiß, es gibt auch in unserer Gesellschaft den Vorwurf der „Systempresse“ (auch von linker Seite) – nur dieser Vorwurf hält einer näheren Überprüfung nicht statt und jeder der will kann sich über existierende Probleme von vielen Seiten informieren. Ein Problem stellt bei uns auch nicht die „Systempresse“ dar sondern viel eher (oft von dubiosen Milliardären betriebene) Privatmedien, wie bei uns die Bild-„zeitung“, in den USA Fox-News oder Breitbart, die Hetzkampagnen mit politisch problematischer Zielsetzung betreiben (oder die derzeitige dubiose Plakataktion im Wahlkampf gegen die Grünen).

Da auch keine unabhängige Justiz existiert, kann man sich – in einem autoritären Regime- auch bei niemandem beschweren und sein Recht einklagen. Man muss mich deswegen – unter der Hand – und mit viel Geld an die entsprechenden Stellen wenden um deren Wohlwollen zu erreichen. Das sollte uns alarmieren, denn so entsteht eine ausufernde Korruption und Korruption ist in autoritären Regimen systemimmanent, es wird nur nicht darüber berichtet. Und Korruption korrodiert jedes politisches und wirtschaftliches System – so wie eben jetzt das afghanische Regime.

Und darin sehe ich eine der großen Gefahren des Afghanistan-Debakels: Dieses offensichtliche Versagen des Westens, seine Unfähigkeit, seine Inkonsequenz und das im Stich lassen aller Afghanen (und Afghaninnen), die ihn und seine Werte*** unterstützt haben untergräbt – national und international das Vertrauen in dessen Werte wie in dessen Vertrauenswürdigkeit – und treibt viele Leute weiter in die Arme von autoritären oder „alternativen“ Heilsversprechern und Menschenverächtern wie Dschihadisten.

Noch etwas: Glaubt irgendwer in der modernen Wirtschaft, dass ein zentral gesteuertes, hierarchisches System einem dezentralen, welches auf Eigeninitiative und Verantwortung setzt dauerhaft überlegen ist?

Womit wir beim Sport und bei Lionel Messi sind – der jetzt zu Paris Saint-Germain gewechselt ist und nun auch von Katar (= Muslimbrüder) finanziert wird. Den russischen Oligarchen in London war er wohl auch zu teuer. Und der FC Barcelona hat immer auf Brustwerbung verzichtet und dafür den Unicef-Schriftzug getragen, dafür ist er jetzt Pleite. Welch ein Hohn!  Ist da noch Sport oder ist es nur noch der Missbrauch des Phänomens durch autoritäre Systeme? Nicht nur das „Brot und Spiele“ zur Ruhigstellung der Massen, sondern eine unfaire Sympathiewerbung unsympathischer Hintermänner. Oder gehört es in die Kategorie „wer hat den Größten“? Das ist sehr wichtig unter diesen Menschen – seien es Wolkenkratzer in Dubai, Paläste am Bosporus oder auf der Krim, Luxusjachten – oder Fussballclubs?

Auch die olympischen Spiele sind vorbei und die Deutschen haben versagt ! Mehrmals musste ich lesen, dass das US-Sportsystem viele effektiver wäre, weil die Amis viel mehr Medaillen gewonnen hätten. Bezieht man die gewonnen Medaillen aber auf die Bevölkerung der Länder, zeigt sich ein ziemlicher Gleichstand. Tatsächlich viel effektiver sind hier Länder wie die Niederlande, Australien, Neusseland, Norwegen, Ungarn (!), Schweiz (deren phamazeutische Industrie scheint der deutschen hier voraus zu sein!?), Schweden, …, die bezogen auf ihre Bevölkerungszahl jeweils ein vielfaches der deutschen und US-amerikanischen Erfolges hatten – aber von denen war in den Kommentaren nie die Rede. Ist das dann Denkfaulheit oder ist die Schule dran schuld, die anscheinend nicht den Unterschied zwischen absoluter und relativer Größe lehrt? Und – sollen Kommentatoren die so schreiben und Leute die so denken dann wählen gehen? Welche Folgen hat unterkomplexes Denken für eine komplexe Welt mit komplexen Problemen? Dann schon lieber „gendern“!

Eine trostlose Welt, eine kalte Welt – und ich kann als Atheist nicht mal auf Trost und Gerechtigkeit im Jenseits hoffen. Vor kurzem hatte ich wieder eine Begegnung mit der katholischen Kirche. Nach langem Bitten und Betteln kam der Pfarrer zu uns nach Hause und spendete unserem Sohn die Erstkommunion und die Firmung (das ist für schwer behinderte Kinder so möglich). Und da war es wieder – das was mich am Katholizismus so anzieht. Es sind nicht nur die Kirchenglocken, es ist nicht nur der feiertägliche Blick auf die Dorfkiche, es ist nicht nur die beeindruckende Kunst, der Barock. Es ist das „ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“, es ist das „gib uns deinen Frieden, es ist das „so wird meine Seele gesund“. Es ist der Trost, der in diesen Worten liegt. Ich weiß, für mich sind es eigentlich falsche religiöse Versprechungen, aber darum geht es mir nicht. Es ist dieser Wunsch, sich fallen lassen zu können in einen schützenden Schoss. Es ist dieser Wunsch, nach dem Ablegen seiner Fassade – dieses ein armer Sünder sein zu dürfen (bin ich als Atheist nicht auch ein armer Sünder?), nichts darstellen zu müssen, nicht perfekt sein zu müssen – und trotzdem unbedingt angenommen zu sein. Ich habe dieses Gefühl in den letzten Jahren mehrfach in katholischen Gottesdiensten erlebt (ich weiß nicht, ob das in evangelischen Kirchen auch so zu spüren ist) und merke, dass es mich ziemlich stark anzieht. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, der in der modernen Welt sonst fehlt und den der Mensch braucht. Ich bin nicht gläubig, aber die Riten und Gebete in denen diese Formeln gesprochen werden haben etwas sehr auto(-suggestives) an sich und sprechen mich daher unabhängig von meinem (Un)Glauben an. Ich weiß nicht, ob ich hier eine intellektuelle oder philosophische Lösung finde, dass mich so etwas trösten darf. Aber was solls, andere Leute bringen ganz andere Dinge zusammen, die sich widersprechen – und schließlich ist Ambiguitätstoleranz nicht nur eines meiner Lieblingswörter sondern eben auch eine Form der Toleranz – und Toleranz ist wichtig!

Anbei: Literarisch hab´ich auch noch was reingestellt: Die Katze und die Zwiebel , ich liebe doch Katzen und Ob Fliegen träumen , beiden wünsche ich neugierige Leser!

* Zu dem Thema möchte ich die Bücher vom Ahmed Rashid empfehlen, einem pakistanischen Journalisten und wohl einer der profundesten Kenner der Thematik. Dazu muss man aber anmerken, dass sich die Taliban in den letzten Jahren v.a. durch Schlafmohnanbau und Drogenhandel finanzieren, was sie natürlich auch nicht sympathischer macht.

**Vor einigen Jahren fand etwas Vergleichbares im Irak statt, als der IS die mit modernen Waffen ausgerüsteten irakischen Divisionen bei Mossul überrannte und deren Material übernahm. Man hätte vielleicht aus der Erfahrung lernen können?! Die Soldaten flohen oder waren nur auf dem Papier vorhanden, irgendjemand hatte aber jahrelang Sold für sie kassiert.

*** Ich habe dazu etwas im vorletzten Text geschrieben (etwa in der Mitte): … was „westliche Werte“ sind? Für mich sind es Errungenschaften wie die Demokratie, die Betonung des Eigenwertes des Individuums, die Universalität wie die Betonung der Menschenrechte, die Freiheit des Individuums, des Denkens, der Kunst und nicht (nur) der Reichtum und der Konsum. Auch das Recht zur Teilhabe und der Kritik an der Gesellschaft… usw. Es geht also eigentlich v.a. um humanistische Werte.

 

 

 

 

Es bleibt schwierig – Boris und der Rassismus

„Boris“ – was verursacht dieser Name mit Menschen, welche Assoziationen weckt er? Johnson? Becker? Boris the Spider? Palmer? Palmer? Ja, die Rassismusdiskussion ist wieder voll am Dampfen, wer hat`s gelesen? (Ich könnte hier dutzende links eingeben – das lohnt sich aber nicht, denn wenn man unter „palmer“ „aogo“ googelt kommen tausende erhellende Berichte)

Was reitet eigentlich den Oberbürgermeister einer deutschen Universitätsstadt, dass er zu solchen Äußerungen kommt? Ich habe sie gelesen und kann sie auch nicht als ironisch oder satirisch einordnen. Ist es die Profilierungssucht, welche die Borisse hier vereint? Vielleicht kommt es von daher, wenn man solche Dummheiten raushaut? Was reitet aber dann den Jens und den Dennis und den Lars und die Annalena? Na gut, der Jens hat die Nachricht an den Falschen gesendet, so ist der „Quotenneger“ aufgekommen, der Dennis wollte seine Kommentierung drastischer formulieren, so ist er bis zur „Vergasung“ gekommen. Gut, alle beide haben den medialen Tod verdient (das war jetzt sarkastisch gemint). Die Annalena – die hätte vielleicht einmal darüber nachdenken können, dass man erst den Angeklagten anhören soll, bevor man eine Verurteilung ausspricht! Immerhin, der Jens Lehmann und der Dennis Aogo haben sich ausgesprochen, Jens Lehmann hat sich entschuldigt. Und der Lars, ist der nicht Generalsekretär einer renommierten deutschen Kleinpartei? Der nimmt einfach alles mit! So bringt man die eigene Partei voran, wenn man den Grünen gleich ein „Rassismusproblem“ unterstellt.

Aber eigentlich ist es gar keine „Rassismusdiskussion“, denn es geht gar nicht um das Problem Rassismus, es geht viel mehr darum, dumme und vorschnelle Äusserungen von Menschen zu Verurteilen und sie damit  „unmöglich“ zu machen. Immerhin haben Jens Lehmann und Dennis Aogo Jobs verloren (ich denke, sie sind trotzdem nicht arm). Und bei Boris Palmer haben manche Grüne wohl lange auf die Gelegenheit gewartet, ihn abzusägen.

Natürlich sind dumme und rassistische Aussagen als solche zu verurteilen. „Trainieren bis zum Vergasen“, wie es Dennis Aogo sagte ist nicht mal rassistisch (außer man fasst Juden als Rasse auf), es ist einfach nur geschmacklos und geschichtsvergessen den Tod von Menschen verharmlosend, ja als belanglos bzw. positiv zu kennzeichnen. Ich finde aber auch die überzogene, ja, hysterische Reaktion der Politkerseite bedenklich, denn sie ist Wasser auf die Mühlen jener, die ständig von der „Einschränkung der Meinungsfreiheit“ faseln. Ich habe den Eindruck, dass hier die eine Seite, die sich für die Vernünftigere hält, gar nicht merkt, wie sie die andere aufstachelt – und das halt ich für unklug. Ich will nicht, dass „Rassismus“ zu einem politischen Kampfbegriff verkommt – denn Rassismus ist eines der großen Probleme dieser Welt, dessen Verbesserung ein ernsthaftes, langfristiges Bemühen möglichst vieler verlangt.

Ich finde, dass es ein Problem unserer Zeit ist, dass wir heute mit dem Begriff „Rassismus“ nicht nur inflationär umgehen sondern auch um andere zu moralisch zu disqualifizieren und ich finde, wir müssen damit sehr vorsichtig umgehen. Mich erinnert das an die Tendenz der Antifa, jeden als „Faschisten“ zu bezeichnen, der ihrem (engen, eingefahrenem) Weltbild nicht entsprach. Und weil mir diese ideologische, inflationäre Verwendung dieses Begriffes Bauchschmerzen verursachte, verwandelte sich meine ursprüngliche Sympathie für die Antifa in meine heutige Ablehnung. Noch ein Beispiel: Ich las vor kurzem von einem älteren Herrn, der in einem Laden eines bekannten deutschen Discounters vor zwei dunkelhäutigen Menschen mehrmals demonstrativ den Begriff „Negerkuss“ verwendete. Ich denke, dass dieser Herr kein Rassist ist. Er ist zwar offensichtlich sehr unsensibel und unfähig, sich in eine andere Person hineinzuversetzen, aber wahrscheinlich ging es ihm darum, seinen Ärger darüber öffentlich auszudrücken, dass er diese Bezeichnung mit der er, wie ich, aufgewachsen ist, auf einmal nicht mehr verwenden sollte, weil sie rassistisch sei. Ich denke, er empfindet dies als eine Bevormundung, als Abwertung seiner Person durch andere, die sich hier moralisch über ihn stellen – und darauf reagieren Menschen allergisch. Der Discounter entschuldigte sich anschließend für den Zwischenfall, das Problem bleibt. Wahrscheinlich hat der alte Mann keine Einsicht gewonnen sondern fühlt sich seinerseits genötigt und gedemütigt – und er wird viele Menschen finden, die ihm verbittert Beifall klatschen, das Problem wird eskalieren. Das ist natürlich meine Spekulation, aber es ist die Gefahr, die ich sehe. Eine andere Lösung wäre gewesen, sich zusammen zusetzen, sich kennenlernen, miteinander zu reden. Ich denke, es gibt kein besseres Mittel als das gegenseitige Kennenlernen. In dem Fall so etwas, wie eine Mediation, die es ermöglicht Schuldzuweisungen zurückzustellen und das Gegenüber und seine Motivation und seine Ängste kenne und verstehen zu lernen. Aufgabe der Politik wäre es hier zu verbinden, zu kommunizieren und Ebenen und Möglichkeiten zu schaffen damit sich die Menschen besser kennen und verstehen lernen – und zwar ohne schulmeisterlichen oder moralisierenden Impetus. Wir müssen nun einmal alle in diesem Land zusammenleben – und das kann nur gelingen, wenn man versucht, möglichst viele Menschen für diese Gesellschaft zu gewinnen. einzubinden und den Zentrifugalkräften entgegenzuwirken.

Ich weiß, die „Identitätsdebatte“ ist voll am Dampfen (auch hier könnte ich viele links einfügen – als Humanist, nehme ich einen vom hpd) und ich befürchte, dass die Linke (nicht Partei, die „gesellschaftliche Linke“), durch die rigide, moralisierende Behandlung Anderer und derer Ansichten, diese Menschen abstößt und in die Arme der „Rechten“ treibt. Und das können wir uns nicht leisten. Ich halte es auch für problematisch, in einer Zeit von Hasskommentaren und „Shitstorms“ auf eine solche Art auf mediale Dummheiten zu reagieren. Mich stößt die undifferenzierte Unbarmherzigkeit der Reaktionen darauf ab, sie führt nur zu noch stärkerer Polarisierung. Warum bleiben wir nicht gelassener, differenzierter, versuchen mehr und offener miteinander zu reden? Wie kann man Rassismus bekämpfen, wenn man viele Menschen mit solchen Reaktionen abstößt? Wie kann man eine menschlichere Gesellschaft erreichen, wenn man den „Dummheiten“ und Schwächen der Menschen, mit so einer Unbarmherzigkeit begegnet?

Ich habe zu dieser Thematik ja schon einmal einen längeren Text (Jetzt-hab-ich-einen-tollen-Artikel-gelesen-Ueber-Gleichheit-Gleichwertigkeit-und-politische-Korrektheit) geschrieben. Jetzt habe ich einen über die Frage geschrieben, ob Immanuel Kant Rassist war, wie es in letzter Zeit immer wieder diskutiert wurde. Für mich ist das eine zentrale Frage, weil ich Kant einen wesentlichen humanistischen Ethiker unserer Zeit halte und ich ein Problem damit hätte wenn er Rassist wäre. Der zweite Teil des Textes widmet sich der Frage wie Handlungen im historischen Kontext überhaupt moralisch zu bewerten kann. Das betrifft dann eher den Herrn Bonaparte, der seinen 200. Todestag feiert oder auch den Herr Cäsar, dessen „Memoiren“ (de bello gallico) immer noch völlig unkritisch als Klassiker an den Schulen gelehrt wird.

Und „Boris the Spider“? Der ist natürlich schon lange tot, ein Opfer von  antiarachnischem Rassismus. Sein Mörder – John Entwhistle – ist auch schon lange tot. Schade, denn es gab nur wenige Musiker mit so viel Humor. Und es war nicht nur sein Humor, so wie er etwa in „My Wife“ zum Ausdruck kommt, der ihn auszeichnete, es war auch seine große Sensibilität und Tiefe.  Der Song „Trick of the Light“ lässt mich seit über 35 Jahren nicht mehr los. War es am Anfang eher die Härte, der Druck, die Gitarre und die Dynamik, die Droge des Hardrocks, so ist es inzwischen immer mehr der Inhalt, den ich sehr viel später zu versetehen begann. Jedes Mal, wenn ich diesen Song höre bekomme ich Gänsehaut. Wem die Musik zu hart ist, der muss sich den Text durchlesen. Er ist von einer ergreifenden lyrischen Kraft – ich wünschte mir ich könnte Ähnliches in einem Gedicht ausdrücken.

Um es mit Walter Giller zu sagen: Es bleibt schwierig!

P.S.: Blase Gedicht über die Atomisierung unserer Welt

P.P.S.: Mir sind da noch ein paar Gedanken gekommen was mein tieferes Anliegen betrifft. Dass Rassismus zu verurteilen und abzulehnen ist eigentlich selbstverständlich. Ich glaube, es geht um die Frage, was „Täter“ treibt, weil ich glaube, dass es nur möglich ist, dagegen anzugehen und damit umzugehen, wenn man sich offen mit deren Motivation beschäftigt. Ich denke, es geht hierbei sehr darum – diese Menschen ernst zu nehmen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ihre Ängste und Frustration zu begreifen. Ich denke es geht hier auch um das Gefühl vieler dieser Leute, dass andere, die oft sozial besser gestellt sind, sich über sie stellen wollen und sich als moralisch „besser“ darstellen. Ich denke, daher haben so viele Leute auch ein Problem mit Greta Thunberg und der Fridays-for-future-Bewegung oder Veganern – oder den Grünen. Sie nehmen diese als Kräfte wahr, die sich als „etwas Besseres begreifen, sich als moralisch überlegen darstellen und uns etwas wegnehmen wollen“. Und viele dieser Menschen denken sich, „ich habe so viele Probleme, warum kümmert sich die Politik denn nicht darum? Ich habe z.b. als „Ossi“ in meinem Leben Brüche und Zurücksetzung erfahren müssen – und jetzt soll ich der „Böse“ sein, der „Rassist“ sein?

Es geht um also die ernsthafte Wahrnehmung der Gefühle, der Frustration und der Ängste vieler (solcher) Menschen. Ich fürchte, dass viele „Linke“ (also eigentlich die „gute“ Seite, die sich um soziale Gerechtigkeit kümmert) diese Leute nicht mehr wahrnimmt und ernst nimmt bzw. es zumindestens so rüberkommt, weil es in den öffentlichen Debatten kaum mehr eine Rolle spielt (ich glaube, etwa Sahra Wagenknecht, schreibt hier ganz ähnlich). Und ich fürchte, dass das dazu führt, dass sich viele dieser Menschen dann dem rechten Rand zuwenden – der diese Frustrationen und Ängste aufnimmt und aggressiv populistisch formuliert. Ich schreibe das mal so: „wenn ich ein Rassist bin, weil ich „Negerkuss“ sage, dann könnt ihr in mir einen Rassisten haben! Dann wähl ich auch die Rassisten! So eine Art „böser-Buben-Effekt“, ein Trotzeffekt: bezeichnest mich als „bösen Buben“ – dann bin eben einer! Ich bin kein Psychologe, aber ich bin davon überzeugt, dass solche Zuschreibungeffekte eine große Rolle spielen – und wenn man dieses Verhalten als „dumm“ und „kindisch“ abtut, dann überhöht man sich ungerechtfertigterweise über diese Person – und erzeugt so erst recht Aggression.
Ich denke, dass dieser Effekt nicht unwesentlich zur Wahl von Donald Trump beigetragen hat – mit all ihren katastrophalen Folgen für die Welt (die momentanen Zustände in Israel/Gazastreifen hängen durchaus eng damit zusammen). Ich mache mir große Sorgen um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, unsere Demokratien und ich glaube, dass die derzeitige Identitätsdebatte verheerend ist, weil sie die demokratische Linke auseinanderdividiert und etwa notwendige Debatten um die Verteilung des Wohlstands in unserer Gesellschaft verschleppt.

Die Championsleague, Afghanistan und die westlichen Werte

Die Championsleague, Afghanistan und die westlichen Werte

Viele seltsame Dinge geschehen auf der Welt und das Kaninchen Deutschland sitzt inzwischen vor der 3. Pandemiewelle der „Schlange“ Corona – gelähmt, und tut nix. Mein Kopf ist so voll wie leer und so hab` ich lange nichts geschrieben (auch wenig Lyrik etwa „Schwarze Vögel“ oder „Das Glas der Pandora„). Der zweite Coronafrühling – und zum zweiten Mal sind die Magnolienblüten erfroren.

Ich wundere mich immer, warum niemand auf die Idee kommt, so etwas wie eine Corona-Task-Force, einen Think-Tank ins Leben zu rufen? Also ein Gremium, welches sich dauerhaft mit der Krisenbekämpfung beschäftigt. Welches versucht, möglichst viele Aspekte der Auswirkung der Pandemie – medizinische, soziale, wirtschaftliche– zu betrachten und daraus so etwas wie eine vorrausschauende Strategie zur Bekämpfung entwickelt?! Das sich vorausschauend mit den nötigen rechtlichen und organisatorischen, ethischen und psychischen Fragen beschäftigt und mögliche Problemfelder vorwegnimmt und ausräumt und auf neu auftauchende Probleme regiert. Ist es nicht das, was die Menschen bräuchten? Warum eigentlich nicht? Ist es so aus der Zeit gefallen Handlungsoptionen zu entwerfen und ihre Folgen in verschiedenen Bereichen möglichst gut abzuschätzen? Gabs das schon mal in der Menschheitsgeschichte? Mir fällt nichts entsprechendes dazu ein.

Wenn ich jetzt so nachdenke? Ein paar Fäden wieder aufnehme…?

Die Viertelfinals in der Championsleague, sind gespielt, Bayern ist raus, Flick ist weg (einer der menschlichen Anker in dieser Mühle), Dortmund sowieso. Die Halbfinals stehen: Chelsea, Paris, Real Madrid und Manchester City, oder sollte man besser schreiben: Russischer Oligarch gegen den Emir von Katar und Real Madrid gegen Dubai? Und wann war das damals, als Real sein Trainingsgelänge für eine halbe Milliarde Euro verkaufen konnte (auch mit Hilfe von EU-Geldern) und wie war das mit den Steuerschulden, die der spanische Staat nie eintreiben wird, weil Real wichtig für das Wohlbefinden des spanischen Bürgers ist?! Financial fairplay?  Und Roman Abramowitsch? Sollte es uns nicht freuen, wenn ein russischer Oligarch (was für ein unangenehmes Wort) sein sauer verdientes Geld in ein Hobby steckt um etwas Entspannung und Anerkennung zu finden?! Ich habe gehört, dass er seinerzeit immer der erste und letzte im Büro war und jede Milliarde im Schweiße seines Angesichts…! Oder der Emir von Katar, ein hart arbeitender, frommer Mensch, ein guter Muslim, der ansonsten noch mehr Milliarden in die Förderung des Islamismus stecken müsste? Dann doch lieber Paris, Fußball WM, Handball WM (war schon). Und die vielen toten Arbeiter? Ja mein Gott, keiner hat sie gezwungen nach Katar zu gehen. In dem Zusammenhang fällt mir die Meldung von dem Syrer ein, der in Dresden ein schwules Pärchen niedergestochen hat, weil diese ja Sünder seien. Er sagte aus, er sei sich dann doch zu unsicher gewesen (um auch den zweiten ganz zu töten und selber Märtyrer zu werden), er hätte zuvor beim Islamischen Staat nachfragen sollen – oder beim Emir von Katar, der kennt sich damit sicher auch aus. Naja, ist es besser, wenn man sich die Saudis anschaut, die ihr Geld aus dem Sport raushalten und dafür mehr in die wahhabitische Missionierung setzten, zum Beispiel von jungen afghanischen Flüchtlingen in Pakistan.

Ich höre jetzt auf, mich kotzt der heutige internationale Fussballbetrieb nur noch an (man verzeihe mir den Ausdruck) und ich kann darüber nicht mehr anders als sarkastisch schreiben. Mich wundert es nur, dass so vielen Menschen auf dieser Welt diese Hintergründe offenbar vollkommen egal sind.

Wobei, ich freue mich immer noch, wenn der FC Bayern gewinnt. Warum eigentlich? Es ist irgendwie noch eine Prägung aus der Jugend – mein München, mein Verein, ein Teil meines Leben. Und wie hab` ich gelitten, als sie damals gegen den HSV untergingen oder gegen Aston Villa (aus Birmingham), eine damals völlig namenlose Mannschaft, den Europacup der Landesmeister verschenkten. Birmingham?!

Was ist schon Birmingham? Napalm Death, Judas Priest, Black Sabbath! Zu Black Sabbath hatte ich nie einen größeren Bezug – aber ansonsten?! Welch` wichtigen Teil meines Lebens habe ich Birmingham zu verdanken! Welchen Trost hat nicht zuletzt „Painkiller“ meiner verletzten Seele gespendet? Und wie sich die Kreise schließen! Wie ich merke, dass man an jemandem anderem, also etwa Birmingham, die anderen Seiten kennenlernen muss. Möglicherweise ist es sogar einen Besuch wert? Einen Besuch bei Freunden!

Die Amerikaner ziehen aus Afghanistan ab – und die Bundeswehr auch, die Taliban leider nicht. Für mich kein Grund zur Freude, ich denke, dass es für viele Afghanen, vor allen Mädchen und Frauen eine äußerst bedrohliche Perspektive darstellt. Und für jeden afghanischen Mann, der kein sunnitischer Islamist ist ebenfalls (etwa für einen schiitischen Hazara, oder einen Schwulen). Ich fürchte, dass der Rückzug in den nächsten Jahren wieder neue Flüchtlingswellen hervorbringen wird, und bei uns wieder die lästige Diskussion über die Aufnahme von Flüchtlingen und in der Folge wird es die Kräfte am rechten Rand stärken. Wird es unsere Gesellschaft weiter Spalten – und was bräuchten wir mehr als ein Bewusstsein für die Probleme unserer Gesellschaft um in der Zukunft zu bestehen?

Warum sehen so viele in der deutschen Gesellschaft hier nur das wohlverdiente Ende „imperialistischer Ambitionen“ des „Westens“. Warum sieht keiner die Ängste und das Leiden der Afghanen? Nein, die Taliban sind kein Volksaufstand, keine Freiheitskämpfer gegen westliche Bevormundung. Die Taliban sind ein Produkt des pakistanischen Geheimdiensts, geschaffen aus Flüchtlingen, die man aus islamistisch orientierten Koranschulen rekrutiert hat, die vor allem von Saudi-Arabien finanziert wurden. Wahhabitisch indoktriniert, alles bekämpfend, was ihrer engen Auffassung des Islam widerspricht. Sicher die Saudis und das pakistanische Militärregime sind Verbündete des Westens – das heißt aber nicht, dass sie hier nicht ihre eigenen Interessen verfolgen.

Womit wir beim „Westen“ sind. Ich bin ja in den 80er Jahren in links-ökologischen Kreisen sozialisiert worden. Für uns war damals die USA gleichzusetzen mit dem Ursprung alles Bösen auf der Welt (Kapitalismus, Imperialismus, Umweltzerstörung), der rücksichtslose Täter, den es zu bekämpfen galt, gegen den sich die restliche Welt zusammenschließen musste und zu schützen hatte. Natürlich, das Unglück ging historisch nicht (nur) von den USA aus, sondern vom Kolonialismus der imperialistischen westlichen Mächte, und vom faschistischen Deutschland, aber das war sowieso ein eigenes Kapitel. Mit der Zeit lernte ich, die Welt etwas differenzierter zu betrachten. Viele nichtwestliche Regime und Staaten sind historisch nicht nur Opfer sondern genauso Täter wie „der Westen“. Viele dieser Regime verfolgen ihre völlig eigenen Ziele ohne vom „Westen“ dazu genötigt zu werden, ich denke hier etwa an das syrische Regime, an Saudiarabien, an Russland unter Putin.

Ich nehme aber wahr, dass viele Menschen kaum willens sind, ihre überkommenen, liebgewonnen (?) Denkschemata aufzubrechen. Aber was ist denn eigentlich der „Westen“? Existiert er überhaupt (noch)? Ich halte das Problematische an diesen Denkschemen nicht nur, dass es uns hindert, wahrzunehmen, was an unseren Gesellschaften positiv und zu verteidigen ist – sondern dass das Vorurteil vom „bösen Westen“ oft wunderbar korreliert mit den unseligen Verschwörungstheorien, in denen einer Gruppe – den Reptiloiden, den Illuminaten, den Freimaurern, Bill Gates (ist keine Gruppe) oder dem Finanzkapital (= Juden) zugeschrieben wird, diese Welt nach ihrem Willen zu steuern, zu knechten. Und auch diejenigen können sich leicht hier wiederfinden, die, geschichtsvergessen und die deutsche Vergangenheit relativierend, Deutschland als nicht zum Westen gehörend betrachten und der Bundesrepublik ihr Existenzrecht absprechen (wie die „Eurasier“ und „Reichsbürger“)

Ich habe mich natürlich auch gefragt, für was denn der „Westen“ steht, was „westliche Werte“ sind? Für mich sind es Errungenschaften wie die Demokratie, die Betonung des Eigenwertes des Individuums, die Universalität wie die Betonung der Menschenrechte, die Freiheit des Individuums, des Denkens, der Kunst und nicht (nur) der Reichtum und der Konsum. Auch das Recht zur Teilhabe und der Kritik an der Gesellschaft. Für mich sind die zentralen Punkte, die ich für gut und richtig halte, die ich für sehr gefährdet halte und für die ich einstehen will! Im Prinzip sind es die Werte des Humanismus und der Aufklärung. Und diese sehe ich heute an vielen Fronten relativiert und angegriffen. Im Kern durch Rassisten, Islamisten, Antidemokraten. Das sind jedoch wenige, viel gefährlicher ist das weite fruchtbare, relativistische Feld derjenigen, die mit diesem Gedankengut, auch nur in Teilen sympathisieren. Das sind Menschen, die manche Menschen für weniger wertvoll als andere halten, etwa weil sie eine andere Hautfarbe oder eine andere Weltauffassung haben, die in der Krise mit der (angeblichen) Leistungsfähigkeit von autoritären Regimen sympathisieren, das sind diejenigen, die wissenschaftliche Forschung lächerlich machen (denn diese ist ein zentraler Pfeiler der Aufklärung), die unsere Regierung als „Merkel-Regime“ diffamieren. Es sind diejenigen, die demokratischen Institutionen und demokratischen Prozessen ihren Respekt verweigern. Denn eine humanistische Weltauffassung, die vom Eigenwert des menschlichen Individuums und der Gleichwertigkeit alles Menschen ausgeht ist grundlegend an eine demokratische Regierungsform gebunden. So eine Weltsicht schließt a priori jede Form von Diskriminierung auf Grund von Rasse, Geschlecht oder eines anderen unveränderlichen Merkmals aus. Sie schließt autoritäre und menschenverachtende Systeme aus, sie schließt Imperialismus und Kolonialismus aus. Sie fordert aber auch das Einstehen für diese Werte gegenüber allem was dem widerspricht und seien es vorgeschobene kulturelle oder religiöse Auffassungen.

Was hat nun Afghanistan von der westlichen Intervention? Nicht viel! Das Problem ist, dass „der Westen“ nie konsequent seine Werte verfolgt hat, dass er sie immer wieder seinen Machtinteressen (siehe die Geschichte des kalten Kriegs) und kommerziellen Interessen geopfert hat. Dass er bei der Zusammenarbeit mit zweifelhaften und/oder verbrecherischen Regimen diese Werte weder eingefordert noch sie glaubhaft vertreten hat, ja, sie regelmäßig verraten hat. Noch nicht einmal in der „urwestlichen“ Institution der EU, gegründet, um Nationalismus in Europa zu überwinden wird auf die eigenen Grundwerte irgendein Wert gelegt (Orban! Polen!). Das Problem ist, dass „der Westen“ überall auf der Welt jene im Stich lässt (etwa in Syrien oder Afghanistan) die diese „westlichen“ Werte vertreten und in einer offenen humanistischen Gesellschaft leben wollen. Die logische Konsequenz ist, dass inzwischen (fast) niemand mehr „den Westen“ und seine Werte für glaubwürdig oder verteidigungswürdig hält. Und damit sind wir wieder beim Zustand der Championsleague. Ich sehe aber nirgendwo eine akzeptable Alternative zu diesen Werten, für mich sind sie alternativlos, wachen wir endlich auf! Treten wir endlich für unsere Werte ein!

Wie gesagt, die Magnolienblüte ist erfroren, warten wir also auf die Kirschblüte, die Apfelblüte!

Nachtrag aus aktuellem Anlass:

Als ich den Text oben schrieb, wusste ich noch nichts von der Superleagueplänen an denen drei der erwähnten Clubs beteiligt sind/waren. Gott sei Dank ist diese Ausgeburt des ultimativen Kommerzes wieder vom Tisch. In der Süddeutschen Zeitung las ich dazu einen interessanten Artikel mit etwa folgendem Inhalt: Paris SG hat sich von vorneherein als einziger der erwähnten Clubs nicht beteiligt – und zwar, weil der Großteil des Geldes für die Superleague aus Saudiarabien kommen soll. Der Pariser Club wird jedoch aus Katar finanziert, welches mit Saudiarabien spinnefeind ist (Wahabismus vs. Muslimbrüder, hab ich schon mal geschrieben). Chelsea wäre dann abgesprungen, weil es ja vom russischen Oligarchen Abramovich abhängig ist, der wiederum auf das Wohlwollen des Herren Putin aus Leningrad angwiesen ist – und dieser wäre nicht erfreut gewesen, weil russische Clubs – mangels internationaler Attraktivität – nicht in die Superleague eingeladen worden wären. Manchester City, vom feingeistigen Herrn Guardiola trainiert, wird aus Dubai finanziert – und Dubai will weltoffen wirken (Oktoberfest 2021!) und hätte mit dem Nachbarn Saudiarabien als Sponsor der Superleague ein Imageproblem. Ein Witz?

Zu den „Werten des Westens“ habe ich gerade einen Artikel über die Reaktionen auf die aggressive chinesische Außenpolitik gelesen habe, die etwa den deutschen Parlamentarier Reinhard Bütikofer mit Sanktionen belegt, weil dieser es gewagt hat, die Einhaltung von Menschenrechten gegenüber den Uiguren zu forden. Und wie reagiert unsere Politik? Überhaupt nicht! Sie läßt nicht nur solche Menschen sondern auch andere westliche Staaten, wie Schweden, Kanada oder Australien, die von China aggressiv behandelt im Regen stehen. Und vergessen wir nicht Honkong! Es ist nur traurig – keinerlei Solidarität für Menschen und Staaten, die für Demokratie und Menschenrechte einstehen. Wie soll irgendwer auf der Welt „den Westen“ und seine Werte (die auch meine Werte sind) denn noch ernst nehmen, wenn man mit sich alles machen läßt und nicht einmal protestiert?

Gott sei Dank ist der Sultan vom Bosporus nicht so mächtig wie China, sonst ginge es dem Herrn Biden wohl ebenfalls sehr schlecht, der hat es nämlich gewagt, den Völkermord an den Armeniern klar als solchen zu bezeichnen. Wie kann er es wagen!?

 

 

Jetzt hab ich es auch getan … Prometheus und die Championsleague

Jetzt hab ich es also auch getan, ein Prometheus -Gedicht geschrieben – und damit in eine Reihe mit Goethe gestellt;), und ich hab`s nicht mal gewußt sondern bin durch einen Freund darauf aufmerksam gemacht worden. Mich fasziniert das Prometheus-Thema schon sehr lange und ich habe noch einen längeren Text dazu verfasst (Prometheus Teufel Kant ). Die Punkte die mich darin beschäftigen, sind Fragestellungen wie die nach der Infragestellung der Autorität Gottes (oder der Götter) und die grausame, überzogene Reaktion darauf. Das Thema der Emanzipation von Autoritäten und der damit verbundenen Konflikte – und die Fragen, in wie weit sich dieses Thema in Teufelsfiguren (Luzifer, Diabolos) und in der Aufklärung wiederspiegelt. Auch die Frage, ob wir derzeit – so empfinde ich es – eine Gegenreaktion zur Aufklärung erleben, die ebenso heftig und überzogen wirkt, wie die Reaktion Gottes auf Prometheus. Aber wie hier geschrieben – viele Fragen – keine oder wenige Antworten.

Das zweite Thema das mich hier juckt ist er „Rassismusskandal“ in der Championsleague vom 8.12. beim Spiel zwischen Paris SG und Basaksehir Istanbul. Ich war fast versucht, es so zu schreiben: Eisige Stille drang in die Reihen der Soldaten des Sultans – wo sie standen, in Syrien, in Bergkarabach, in Libyen, auf den Schiffen in der Ägäis. Einer der ihren war beleidigt worden und wären sie nicht gebunden in den ehrenhaften Kämpfen für die Größe des Sultans und seines Reiches – sie wären nach Paris gekommen um Rache zu nehmen. Auch die Söldner es ehrenhaften Emirs von Qatar, jenes uneigennützigen Förderes des Dschihad und des Fussballs, stolzer Herrscher über ein Millionenheer in Leibeigenschaft gehaltener Gastarbeiter waren fassungslos und standen in Solidarität zu ihren Kameraden aus Istanbul. Ein Aufschrei der Empörung raste um und durch die freie Welt – ein Rumäne (der 4. Offizielle), hatte den dunkelhäutigen Assistenztrainer von Istanbul gegenüber dem rumänischen Schiedsrichter als „negru“ bezeichnet! (Das ist rumänisch und heißt einfach „schwarz“) und er sollte Gott danken, dafür nicht vernichtet worden zu sein.

Noch einmal, ganz ohne Sarkasmus: Selbstverständlich ist jede Form von Rassismus zu verurteilen und natürlich ist es sehr wichtig, Sensibilität dafür zu entwickeln, was betroffene Personen als diskriminierend empfinden. Ich wundere mich nur darüber, dass es niemand als Skandal empfindet, wenn die Mannschaft des „Sultans“ (Erdogan) auf die des Emirs von Qatar trifft – beides autoritäre Regime, in denen die Menschenrechte nichts gelten, die eine aggressive Außenpolitik betreiben (ich weiß, Qatar ist sehr klein, befördert aber auf viele Art, etwa durch undurchsichtige Spenden z.B. zur Finanzierung der Muslimbruderschaft oder Al-Jazeera als Propagandasender, den Islamismus) und den Sport zu Propagandazwecken benutzen. Ich weiß auch nicht, wer von euch weiß, dass Erdogans AKP historisch der Muslimbruberschaft (z.B.: Ägypten) nahe steht, die ja von Qatar aus mitfinanziert wird. Und daher auch in Gegnerschaft zum Herrscherhaus von Saudi-Arabien steht, welches das Konkurrenzmodell des Wahhabismus exportiert. Tja, der Feind meines Feindes …

 

Corona, Erbschaften, Islamismus und der Herbst

Corona, Erbschaften, Islamismus und der Herbst

Jetzt hab` ich länger nix geschrieben – seit Anfang September. Es war ziemlich viel Stress und mein eigener Gesundheitszustand war auch nicht gut und ich konnte mich kaum konzentrieren. Trotzdem gibt es natürlich sehr viel, was mich beschäftigt hat. Die zweite Corona-Welle, die im Moment sehr beängstigende Ausmaße annimmt. Einige Artikel über Wirtschaft und schließlich die neuesten Fälle von islamistischem Terror, der Fall des französischen Lehrers Samuel Paty, oder der Anschlag in Dresden. Also:

Corona

Im Moment explodieren die Zahlen und haben – ich möchte nicht sagen fast etwas Apokalyptisches an sich und der Winter hat noch nicht mal begonnen. Sicher, die Todeszahlen sind sehr niedrig und offensichtlich sind die Behandlungsmethoden besser geworden. Aber es ist wieder dieses Gefühl der Ohnmacht und Unsicherheit da – so wie im Frühjahr. Die Gedanken, ob ich nicht doch die Klavierstunde absagen soll, oder den Termin bei der Physiotherapie – und zum Frisör müsste ich eigentlich auch – aber jetzt? In der Schule ist die Situation – Maskenpflicht im Unterricht sehr unangenehm, man versteht sehr viel weniger, man nimmt die Mimik der Schüler und Kollegen kaum mehr war…, zwei Kollegen wurde infiziert, die Einschläge kommen näher. Ich habe mal nach der berühmten spanischen Grippe (Ärzteblatt) gegoogelt mit damals  weltweit vielen Millionen Toten. In Deutschland gab es damals – unter unsäglichen hygienischen und humanitären Bedingungen etwas mehr als 400.000 Tote (sehr grob geschätzt) bei etwa 60 Millionen Einwohnern (heute sind es 83 Millionen) in drei Wellen. Ich will das jetzt nicht mit Corona vergleichen – aber ich denke mir, dass es heute wohl wesentlich weniger wären – vielleicht auch nur 10.000 – so wie im Moment. Global gesehen wütet das Virus ja sehr heftig – und die Intensität nimmt nicht ab – und ich blicke wie das Kaninchen auf die Schlange und kein Ende in Sicht.

Ich persönlich merke, dass ich immer wieder mit meiner Angst (vor der eigenen Endlichkeit und Ohnmacht)  kämpfe, gleichzeitig eine große Wut auf diejenigen entwickle, die sich in so einer Situation ignorant und  destruktiv verhalten und ich fühle mit denjenigen, deren Existenz im Moment bedroht ist (nicht nur die physische sondern die wirtschaftliche). Ich sehe aber in so einer Krise vielleicht auch die Chance der Gesellschaft wieder mehr zur Besinnung zu kommen. Ich meine das in dem Sinne, dass ich oft den Eindruck gehabt habe, dass viele Menschen gerade in Wirtschaftskreisen davon ausgegangen sind, dass sich die Weltwirtschaft – quasi wie in einer virtuellen Welt- losgelöst von jeder Realität – endlos, ja maßlos weiterentwickelt. Und viele Menschen haben – meiner Wahrnehmung nach- geglaubt, in einer Welt zu leben in der alles selbstverständlich ist. In der man eine Garantie hat, mindestens 80 Jahre bei guter Gesundheit zu leben, jedes Jahr mehrfach in den Urlaub zu fliegen und zu konsumieren, zu feiern,  zu konsumieren, zu feiern, zu konsumieren, als wäre das alles Gottgegeben und als gäbe es kein Morgen. Und man wäre gleichzeitig gegen jede Unbill versichert – oder es gebe zumindest einen Schuldigen, den man anklagen könnte -ein Deutschland oder Europa als Insel der Seeligen, losgelöst von den Realitäten dieser Welt. Vielleicht ist das auch eine der Ursachen, warum so viele (im Moment?) irrationalen Weltbildern bzw. absurden Verschwörungstheorien nachlaufen – die Kränkung darüber, dass ihr „Weltanspruch“, ihre Sicherheit und auch ihre Eitelkeit und Bequemlichkeit in Frage gestellt wird – nun nicht mehr gelten soll.

Ich halte die Coronakrise daher auch für eine Chance, wieder demütiger an das Leben, an die Existenz heran zu gehen. Es ist eben nicht alles sicher, es ist nicht alles selbstverständlich und – das Leben ist kostbar – jedes (menschliche) Leben. Wir müssen bewusst damit umgehen. Die freie Gesellschaft, die Demokratie, das Recht auf Bildung, auf körperliche Unversehrtheit, auf die Teilhabe am (materiellen) Fortschritt – das sind alles Dinge, die eben nicht selbstverständlich sind, sondern für die die Menschen jahrhundertelang kämpfen mussten. Es sind die Errungenschaften der Aufklärung, den Menschen als ein Wesen von eigenem Wert zu sehen (unabhängig von einem „göttlichen Wert“) und damit verbunden die Offenheit Fragen zu stellen und Wissenschaft zu betreiben. Und damit wiederum die Chance, Erkenntnisse zu gewinnen und den materiellen und medizinischen Fortschritt zu erzielen der uns unser gutes, sorgloses Leben erst ermöglicht. Ich finde es wichtig, das nie zu vergessen, das nie als selbstverständlich zu erachten und dafür zu kämpfen!

 

Erbschaft

Ich habe ja vor einiger Zeit einen Text zum bedingungslosen Grundeinkommen verfasst – jetzt habe ich wieder zwei interessante Texte gelesen. Zunächst ein  Interview mit Thomas Piketty auf brand1, indem er beklagt, dass mit Erbschaften die größten sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten darstellen, weil sie – per Zufall der Geburt einige stark bevorteilen und die meisten in die Röhre schauen und unsere sozialen Unterschiede nicht nur zementieren sondern vergrößern. Ich halte das auch für eine wesentliche Ursache der großen sozialen Schieflagen unserer Gesellschaft(en). Ich denke, etwa in München kann sich fast nur ein Haus leisten, wer eines erbt – ohne irgendeinen eigenen Verdienst dazu erbracht zu haben- während viele hoch qualifizierte, gutverdienende Menschen darauf keine Chance haben (von Leuten wie Polizisten oder Altenpflegerinnen gar nicht zu sprechen). Ich halte das für eine wesentlichen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft. Wenn ich dann lese, dass der Steueranteil an Erbschaften gerade mal zwei Prozent beträgt – dann bleibe ich sprachlos zurück. Warum beträgt der Steueranteil an menschlicher Arbeit denn soviel mehr? Warum wird nicht ein gewisser Anteil der Erbschaften – sagen wir 25 % – das wären dann jedes Jahr etwa 100 Milliarden Euro- in gesellschaftliche, soziale Bereiche investiert, wo dringender Bedarf herrscht, wo sie der Gesellschaft zu kommt – die ja das Eigentum des Einzelnen so gut schützt? Man könnte dieses Geld etwa in die Pflege, die Gesundheitsvorsorge, die Bildung investieren? Der Bekämpfung von Armut oder Aufstockung von Renten für Mütter? Steuerliche Entlastung von Arbeitseinkommen? Thomas Piketty schlägt eine „Erbschaft für jeden“ von 120.000 Euro vor. Ich halte genau das aber für genauso wenig sinnvoll wie das Grundeinkommen – Gießkannenprinzip statt gezielter Einsatz an den Stellen, wo es sinnvoll wäre. Wenn wir jetzt noch das Geld dafür aufbringen – etwa durch den „allgemeinen Gelddrucker“…- doch halt, dazu habe ich auch etwas interessantes gelesen: Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Stefanie Kelton meint, dass es durchaus sinnvoll sein kann ungedeckt „Geld zu drucken“ – aber – eben nur, wenn es für etwas investiert wird, was zu einer Erhöhung der volkswirtschaftlichen Produktivität führt. Sie führt hier als Beispiel die Einstellung arbeitsloser Lehrer(innen) an um Kindern größere Bildungschancen zu kommen zu lassen und diese dann zu einer tragenderen Rolle in der Gesellschaft zu befähigen. Eigentliche das alte Schema, sich Geld zu leihen/zu drucken um sinnvolle Ressourcen zu fördern. Ich halte diese Ansätze für ungleich sinnvoller – als Erbschaft für jeden und bedingungsloses Grundeinkommen.

Islamismus und ….

ja, das Schicksal des französischen Lehrers trifft mich sehr – und ich denke, dass wir in unserer Gesellschaft endlich beginnen müssen uns auch mit dem Thema Islamismus ernsthaft auseinanderzusetzen – und eben nicht so oberflächlich und entschuldigend wie bisher. Ich denke, hier geht es sehr viel um das Thema: falsche Rücksichtsnahme, mangelnde Kommunikationsfähigkeit (und -bereitschaft) und natürlich sehr um das Problem der Identität von Menschen in einer Zuwanderungsgesellschaft. Ich werde versuchen meine Gedanken dazu aber mal in einem anderen Text formulieren – das überfordert mich im Moment – und hier.

Und eigentlich ist ja Oktober und es ist Herbst und ich finde der Herbst verdient auch es in seiner Schönheit und seinen wahrgenommen zu werden…ich will ihm eine Chance dazu geben, denn er kann ja nichts für diese Welt!

 

Puzzlesteine …

Gerettet hat mir dieses Wochenende Polly Roche 17, Model, die im „Buch zwei“ der SZ (5./6.9.2020, s.11), zur Frage, was denn an diesem Sch…jahr 2020 gut wäre, gemeint hat: „es höre sich weird an, aber sie glaube, gerade fragen sich viele Menschen, ob die Leute in ihrem leben sie wirklich glücklich machen, ….und es wird (nun) smoother gehen, neue Freunde zu finden“.

An diesem Wochenende fand ich einige interessante Puzzlestücke … ich hab sie noch nicht ganz zusammen, aber ich denke, sie weisen auf einiges, was in unserer Gesellschaft problematisch läuft. Als erstes las ich ein interessantes Interview mit Irmhild Saake im Deutschlandfunk  (Kommunikation auf Augenhöhe).  Dabei ging es um die Tendenz, verschiedene Argumente als gleichwertig zu nehmen – unabhängig von ihrem Gehalt um die Gleichwertigkeit der Argumentierenden zu betonen. Also etwa: Ich sag, die Erde iss rund – du sagst, sie iss flach, ich bin okeh – du bist okeh – wird die Wahrheit wohl in der Mitte liegen. Ich begann sofort einen Beitrag zu schreiben, der wurde aber so lang und verquast, dass ich ihn mehrfach überarbeiten musste (und muss) ich habe ihn jetzt als eigenen Text eingestellt (siehe unten). Dann, gestern hörte ich zwei Beiträge auf Br2, zuerst ein Gespräch mit Prof. Dr. Paul Nolte, Kulturwissenschaftler zum Thema: „Umgang mit Anti-Corona-Demos“ dann  ein Gespräch mit Prof. Dr. Norbert Bolz, Medientheoretiker: „Hochstapler – warum wir ihnen auf den Leim gehen“. Darin ging es um die Bereitschaft vieler Menschen, kritiklos, zweifelhaften „Wahrheiten“ von charismatischen Welterklärern zu folgen (find ich leider kein link:(.

Heute las ich einen bestürzenden Artikel/Feature auf t3n: Qanon-Verschwoerungstheorie warum Menschen bizarre Theorien glauben. Es ist abgesehen vom Unterhaltungswert ob der Bizarrität einiger dieser „Theorien“ bestürzend.

Meine vorläufigen Thesen, die in mir schon lange gären und zu denen diese Quellen „Puzzlesteinchen“ liefern sind etwa folgende:

Es gibt einen Teil der Menschen, der bereit ist, ohne von der Realität beleckt zu sein, wirren Verschwörungstheorien oder Welterklärungsmodellen zu folgen, weil sie ihnen die Illusion (?) gibt, der unangenehmen komplexen Realität zu entfliehen – und diese Menschen sind am Realitätsgehalt ihrer Welt gar nicht wirklich interessiert. Für mich ist diese Erkenntnis unbegreifbar – aber anscheinend gibt es Menschen die nicht an der Realität interessiert sind, sondern sich ganz gern selbst belügen – vielleicht, weil an sonsten das Leben so bedrohlich und trist wirkt?

Es gibt Menschen, die gerne Betrügen – Hochstapler – und die eine richtige Lust daran entwickeln. Das muss auch nix schlimmes sein – sie sind oft sehr Unterhaltsam und bereichern unser Leben – so lange wir sie als das sehen, was sie sind. Das können aber auch autoritäre Führungspersonen sein, die bewusst Missbrauch betreiben (vielleicht der Herr Höcke, den amerikanischen Präsidenten halte ich nur für einen eitlen, ungebildeten Narzissten, dessen einziges Streben seinem eigenen Vorteil und Gefallen gilt)

Es gibt in den progressiven „Eliten“ der Gesellschaft, eine Tendenz, wichtige progressive (linke?) Themen – wie Gleichheit – Beseitigung von Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen durch eine immer stärkere Veränderung der Sprache angehen zu wollen. Das ist eigentlich gut (z.B.: das N-Wort) – kann aber dazu führen, dass zum einen – bedingt durch die zunehmend formelhafte Selbstbeschränkung der Sprache – die echten Probleme zugedeckt werden (etwa soziale Ungleichheit oder islamischer Extremismus) zum anderen – eine immer größere Distanz zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen entsteht. In der Folge entsteht eine Sprachlosigkeit und Abkoppelung zwischen (linker?) Elite und „normaler“ Bevölkerung und das Gefühl, denen „da droben“ geht es überhaupt nicht mehr um unsere Probleme.

Wenn sich große Teile der Bevölkerung von der Elite und den Institutionen, die sie damit verbinden nicht mehr vertreten und verstanden fühlen, wenden sie sich von dem, was wir als unsere gesellschaftlichen Grundwerte sehen ab – und verhalten sich zunehmend destruktiv.

Wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen nun bereitwillig und fleissig irren Welterklärungstheorien folgt (etwa Qanon) bildet sich ein gefährliches Substrat. Und wenn sich größere Teile der Bevölkerung von den Eliten und „deren“ Werten abwenden entsteht ein hochproblematisches Gemisch, welches dazu führen kann, dass autoritäre Tendenzen sich Bahn brechen und destruktive Kräfte ihr Publikum finden.

Ich denke, so kann man auch das Neben- und Ineinander von Corona-Protestlingen, Rechtsradikalen und Qanon-Irren (ja, hier passt dieses harte Wort!) mit-erklären.

Puh, das war jetz sehr viel, das ist alles noch sehr roh – ich stelle jetzt auch mal den Text hier ein (auch wenn der selber noch sehr überarbeitungsbedürftig ist, ich denke stellenweise ist er noch nicht klar genug)! Über Gleichheit Gleichwertigkeit und politische Korrektheit

Über Meinungen, Rückmeldungen und Anregungen wäre ich total froh!

Nachtrag: Offensichtlich entsammt Polly Roche den Feuchtgebieten von Charlotte Roche.

Nachtragsthese: Wenn sich dann die gesellschaftlichen Bedingungen geändert haben und eine populistisch-nationale Bewegung oder Machtelite bekommt Einfluss, ändern sich auch die gesellschaftlich „opportunen“ Werte. Das ist dann die Stunde, in der die Perversen und Sadisten hervorkommen, die Hunde von der Kette gehen und im Namen einer Elite diejenigen terrorisieren, die nicht den Vorstellungen dieser Elite entprechen. Und „das Volk“ ist dann ratlos und wusste von nichts und wird Geister nicht mehr los. Ich meine nicht nur denn Nationalsozialismus sondern beobachte das in allen populistisch-ideologischen Machtgebilden (vgl. Jugoslawienkrieg, Islamischer Staat, Bolschewismus). Und deshalb sollten wir es vorher besser wissen.

 

 

 

Neue Texte

Neue Texte und ein Gott-sei-dank

Das Gott sei dank bezieht sich nicht nur auf die Championsleague sondern auch darauf, dass die letzten Tage endlich ein paar kritische Artikel zum „bedingungslosen Grundeinkomen“ erschienen sind etwa der Zeit-Artikel von Alan Posener. Ich habe dazu ja selbst einen Text mit dem Titel Asoziales Grundeinkommen  verfasst weil ich das Konzept für brandgefährlich halte. Ich habe immer das Gefühl, die Befürworter – und das ist angeblich die Mehrheit der Deutschen macht sich kaum Gedanken über dessen weitergehende Konsequenzen und es stehen immer nur Begriffe wie „Selbstverwirklichung“ und „keine Existenzängste“ im Vordergrund. Und über die Finanzierbarkeit …wird meist geschwiegen.

Daneben ist das Champions-League Finale für mich sehr wichtig, nicht nur weil es „meine“ persönliche Finalbilanz von 2:5 zu 3:5 aufbessert (Siege: 2001, 2013 und 2020 – Niederlagen: 1982, 1987, 1999, 2010, 2012 – und davon war nur 2010 verdient verloren und ohne Dramatik), sondern weil es meine Zweifel an der Welt und mein Unbehagen am Fußballgeschäft weiter geschürt hätte. Championsleague-Sieger wäre dann nämlich das Sklavenhalter- Muslimbrüberschaft- und Terrorismusemirat Katar, was sich für Geld alles kaufen kann, auch Paris SG und den Fußball *. Aber eigentlich hat das Tradition: AC Milan = Silvio Berlusconi, Juve = Agnelli/Fiat, Real Madrid = Steuerhinterziehung + 500 Mio Euro für Trainingsplatzverkauf, Manchester City (Emirate) und natürlich Chelsea London, gepäppelt mit russischem Oligarchengeld – den Milliarden, welches eigentlich mal dem russischen Volk gehört hat und nicht der Mafia. Es ist eigentlich zum K….! Ich fühle mich vom modernen Fußball zunehmend angewidert! Ich kenne kaum kein schöneres Bild für die Perversität eines Systems, welches ein paar überbezahlte Helden produziert um gleichzeitig die Macht- und Geldverhältnisse der Selbstbedienungseliten die dieses System ermöglichen zu übertünchen. Da lobe ich mir doch 1860 ;)!

Außerdem habe ich den Text zur Outputorientierung und Kompetenzorientierung  eingestellt und den Aleijadinho – eine eher poetische Geschichte bei der es sehr um negative Selbstwahrnehmung geht.

Der erste Text ist mir eine absolute Herzensangelegentheit – ich habe versucht zusammenzufassen, warum diese neuen Schlagwörten aus der Bildungspolitik (Lehrplanplus) die Bildung underer Kinder gefährden. Auch wieder ein Beispiel dafür, wie Vorstellungen aus einem Bereich (der Wirtschaftspolitik) unreflektiert und wohl in auf einen anderen (Bildung) übertragen werden. auf den sie nicht passen, weil es darin völlig andere Zielsetzungen und Gegebenheiten gibt. Für mich ist genau das Ideologie – man überträgt sein Welterklärungsmodell unreflektiert auf andere. Ignorant, wenn man nur ein einfacher Mensch ist, gefährlich wenn man Macht hat (wie etwa Wirtschaftsverbände). Ich habe dazu viele satirische Plakate gemacht, darf sie aber aus urheberechtlichen Gründen nicht veröffentlichen, wen es interessiert, der kann mich ja über mail kontaktieren.

Der Aleijadinho, das Vorbild meiner Figur, das Krüppelchen hat wirklich gelebt, es war ein herausragender Bildhauer und Künstler des brasilianischen Barock in Minas Gerais. Der trotz Verkrüppelung und voranschreitender Lepra beeindruckende Werke geschaffen hat – ein hochinteressanter Mensch, ein hochinterrantes Thema!

Vorsicht: Diese Anmerkung enthält Spuren von Sarkasmus!

* ich habe mal gehört, sogar der fc bayern soll gute beziehungen zu qatar pflegen. für mich ist es immer einer dieser ungedachten zusammenhänge, dass ausgerechnet das qatar, das den parisern ihren psg finanziert (neymar=225 mio euro, damit könnt man viel sinnvolles machen, etwa schulbildung in afrika) -auch einer der hauptsponsoren des islamistischen terrors ist (bataclan) – vielleicht ist es sogar der eine cousin, der den fußball kauft und der andere, der den is unterstützt um sein seelenheil zu förden, das gar nicht von einander wissen, wenn sie gemeinsam shisha rauchen und danach ihre billige indische putze (etwas über 100 euro im monat, für putzen 24/7) oder ihr philipinisches kindermädchen vögeln?

eine putzfrau in qatar erzaehlt -faz

deutschlandfunk: katar und die champions league

 

Journalistenschülerinnen

Journalistenschülerinnen

Eine Kritik zum „Zeit“ Artikel „Auf dem Boulevard der Wissenschaft“ vom 26.5.2020

In der von mir so geschätzten „Zeit“ las ich vor kurzem folgenden Ausschnitt aus einem längeren Text:

Auch Journalistenschülerinnen kennen die Empfehlung, sich doch mindestens mal für die Länge eines Praktikums ins Stahlbad Boulevardjournalismus zu tauchen, um dort zu lernen, wie man komplexe Sachverhalte treffend auf 80 Zeilen und schließlich packend in eine fettgedruckte Zeile bekommt, auf dass eine wichtige Information verständlich an eine möglichst große Öffentlichkeit gelange. 

Und dann weiter:

Was dem Boulevardjournalisten dabei positiv unterstellt wird, ist eine Mischung aus Kreativität und Furchtlosigkeit auch in der Recherche. Er mag ein beharrlicher, enervierender Zeitgenosse sein, aber während das Feuilleton die Themen noch ewig mit „Hintergrundrecherche“ (meint: Lesen anderer Artikel) umkreist, hat er längst den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt oder befindet sich in Ecken des Internets, wo kein Journalist je gewesen ist.

Mich ließ dieser Text mit vielen Fragen zurück, stellt doch gerade die „Zeit“, das Zentralorgan der Deutschlehrer einen Leuchtturm der Orientierung dar in dieser so unsicheren Zeit dar.

Da ist nämlich von Journalistenschülerinnen die Rede! Wer ist damit gemeint? Und ist das auch korrekt? Bezieht sich das jetzt nur auf Schülerinnen von Journalisten (ich wusste gar nicht, dass Journalisten Schülerinnen haben) oder auch auf Schüler von Journalisten? Wie steht es mit Schülern von Journalistinnen und Schülerinnen von Journalistinnen? Müsste es dann nicht heißen: JournalistInnenschüleInnen? Oder, das wäre m.E. besseres deutsch: Journalistinnenschülerinnen Journalistenschülerinnen, Journalisteninnenschüler und  Journalistenschüler???

Und was ist mit denjenigen, die sich nicht einem dieser Geschlechter und damit dem sozialen Konstrukt dahinter unterwerfen wollen?

Müsste es dann nicht besser heißen: Jounalistixe (schreibt man das so?) und Schülerixe? Und müsste man dann nicht eigentlich schreiben

Journalistinnenschülerinnen Journalistenschülerinnen, Journalisteninnenschüler, Journalistenschüler, Journalistinnenschülerixe, Journalistenschülerixe, Journalistixschüler und  Journalistixschülerinnen und  Journalistixschülerixe??

Ich hoffe, es fühlt sich keiner diskriminiert!

Richtig hart wird es natürlich mit dem „Boulevardjournalisten“ und dem „Zeitgenossen“, denen hier ja einiges positiv unterstellt wird! Das ist nun eindeutig diskriminierend gegen alle Boulevardjournalistinnen und Boulevardjournalistixe, Zeitgenossinnen und Zeitgenossixe, denen zum Beispiel Kreativität abgesprochen wird!

Ich denke man sollte weiterhin der Frage nachgehen ob sich nicht auch hinter Wörten wie „Journal“, „Boulevard“ oder „Feuilleton“ europäische Konstrukte stehen, die die afrikanischen, asiatischen oder indianischen Vorstellungen negieren und implizit eine spezifisch „weiße“, kolonial-imperialistische Weltsicht propagieren!

Denken sie darüber bitte einmal nach!

Mit freundlichen Grüßixen, Michael Berger

Im Buchladen

Ich war gestern wieder mal im Bücherladen und habe dort einen Blick auf die Spiegel-Bestsellerliste geworfen – es waren glaub ich, je 3 Bücher von Yuval Noah Harari und Richard David Precht drauf – dann mehrere von John Streleczky (Cafe am Rand der Welt – kenn ich gar nicht).
Ich bin irgendwie ziemlich entsetzt – kommen jetzt wieder die großen Welterklärer? Den Precht ertrag nicht, weil er mir als eingebildeter Selbstdarsteller vorkommt, der zu allem die Wahrheit kennt (ich glaub, den hab ich nie noch lächeln sehen – aber wenn man sehr wichtig ist, hat man wahrscheinlich wenig Spass im Leben)… den Harari kenn ich nicht. Ich habe einige seiner Bücher in die Hand genommen und durchgeblättert – und sie dann wieder weglegen müssen. Ich habe das manchmal, dass mich bei Büchern ein unangenehmes Gefühl beschleicht – beonders wenn ich den Eindruck habe da hat einer, so ganz unbescheiden: „die Wahrheit“ gefunden – die Menschheit-die Geschichte – wie sie ist und zu interpretieren ist und was die Zukunft bringt und dazu nötig ist. Ich hab gegoogelt und bei den Ergebnissen ist man sehr beiläufig und schnell bei rechtextremen Verschwörungstheorien, die mit angezeigt werden („Das dritte Auge der Menschheit“, kopp-Verlag; Eileen deRolf: Wir töten die halbe Menschheit- und es wird schnell gehen!) – und bei Jared Diamond (arm und reich, hab ich gelesen, toll). Die meisten Publikumsbewertungen waren toll – ein supertolles Buch eines der großen Intellektuellen unserer Zeit. Ich hab auch eine Rezension zu Hariri gelesen, die ich alarmierend finde (https://hpd.de/artikel/grosse-harari-verwirrung-14664) „Hpd“ ist der humanistische Pressedienst und der ist mir schon ein gewisser Gradmesser für kritisches Denken und ideologisches Schrifttum.

Nummer eins ist zur Zeit: „Corona Fehlalarm“ von Herrn Bakhti . Ja, das iss der, der auf youtube erklärt, dass Corona nur eine bessere Grippe ist.

Ich frage mich oft, an was es liegt, dass ich bei manchen Büchern ein spontanes Unbehagen spüre und bei anderen nicht. Ich erinnere mich an das Werk von Peter Frankopan: „Licht aus dem Osten – eine neue Geschichte der Welt“. Ich habe es geschenkt bekommen und mir war es spontan unheimlich. Es ist nicht unbedingt der Anspruch, denn ich habe schon tolle Bücher mit ähnlichen Anspruch gelesen. Es ist eher die „Umdrehung“ der Weltgeschichte – vom Westen zum Osten hin. Mir geht es nicht darum, den Blick zu nicht erweitern und von der eutrozentrischen Geschichtsschtreibung weg zu gehen, das ist bitter notwendig. Es ist eher der Duktus: „Eure Weltsicht ist falsch – meine ist richtig ich sage es euch, wie es war“, die aus dem Buch spricht. Da wird nix kritisch hinterfragt und analysiert – da wird eine neue Sicht implementiert. Statt dem :“es ist wichtig, einen globalen Blick auf die Entwicklungen der Welt zu erlangen“ das: In Wirklichkeit ist „der Osten“ dominant und wird dominieren, die „Dominanz des Westens“ ist nur ein Ausrutscher der Geschichte. Ich habe natürlich ein bisschen reingeschaut – vieles bleibt unhinterfragt (zum Beispiel die islamische Geschichte) und irgendwie geht mir die humanistische Sicht ab: Die Rolle und das Leiden der Menschen, da werden autoritäre Regime ziemlich unkritisch dargestellt. Wie gesagt, mir war es unheimlich und unsympathisch, ich habe es dem Reinlesen in ein paar Kapitel möglichst weit weg verräumt.

Naja – in großen Büchern über die Wahrheit ist eben kein Platz für (Selbst)Zweifel! Der Prophet hat die Wahrheit! (Vor allem die Propheten, die wissen, dass Corona ein Fake ist, Bill Gates die Erdbevölkerung durch Zwangsimpfung reduzieren will, dass die Erde hohl und ein Scheibe ist, dass die BRD nicht wirklich existiert und nur die Systemmedien und das glauben machen wollen,…) – ich weiß, das ist weit her geholt und unsachlich – aber  diese Gedanken steigen in mir auf.

Ganz anders ging es mir mit „arm und reich“ von Jared Diamond (1997). Auch ein Buch mit einem extrem großen Titel (gehts noch größer?) – aber von der ersten Seite „läuft“ dieses Buch ganz anders, hier werden Fragen gestellt, hier wird offen nach Antworten gesucht. Und hier werden Thesen in den Raum gestellt, die keinen „Alleinerklärungsanspruch“ haben sondern Versuche von Antworten sind, die sich aus Fragen an die Geschichte stellen. Ich finde schon seinen Einstieg toll – die Auseinandersetzung mit den Fragen der Papuas, die ihn bei seinen Expeditionen begleiten, über die Ursachen der Ungleichheit der menschlichen Gesellschaften. – und über die ursachen der (materiellen) westlichen Überlegenheit. Ich fand es ein sehr angenehmes, erhellendes Buch, weil es eben kritische Fragen stellt und kein übergeordnetes „Weltinterpretationsgerüst“, keine „Wahrheit“ liefert. Wenn ich jetzt böse wäre, würde ich sagen, dass dies daran liegt, dass er kein Historiker sondern Naturwissenschaftler ist – und daher versucht, offen und systematisch nach der historischen Realität  zu suchen und nicht daran im Wettkampf um mediale Aufmerksamkeit… aber, ich bin nicht böse und meine Grundthese ist eigentlich, dass sich gute und schlechte Eigenschaften der Forscher/Menschen relativ gleichmäßig auf die verschiedenen wissenschaftlichen Fachrichtungen verteilen;).

Wieder zum Buchregalschock:

Ich weiß nicht, geht es nur mir so – aber mir macht diese Vormacht und Suche nach
den großen „Welterklärern“ Angst. Gibt es in unserer Gesellschaft kein kritisches Denken
und Hinterfragen mehr? Oder ist die Spiegel-Bestsellerliste inzwischen mit
dem „Unterschichten-TV“ vergleichbar? Flache Unterhaltung, laut und plakativ für Leute, die so etwas wollen?

Wo wäre dann aber so etwas wie das denkende, intellektuelle Deutschland zu finden?

Gibt es das überhaupt noch?

Das nachdenkliche, hinterfragende Element?  Aber wahrscheinlich hat das in der Masse keinen Platz, vielleicht muss man es in den Nischen dieser Welt suchen, wahrscheinlich waren wir nie wirklich das Land der Dichter und Denker !? Vielleicht liegt es auch daran, dass der „Zweifel“ naturgemäß leise ist und deshalb in der lauten Bestsellerwelt übersehen wird.

Ratlos, Michael

Und jetzt noch ein p.s.:

nzz: kapitulation japans in asien dauerte der zweite weltkrieg laenger

Das habe ich heute (es ist der 19.8., nicht der 22.3.) gelesen – ich finde es ist ein gutes Beispiel dafür, wie einseitig unser Blick auf die Geschichte ist, da gebe ich dem Herrn Frankopan völlig recht – wir sind in unserer Geschichtswahrnehmung viel zu sehr auf Deutschland und Europa fixiert – ich denke auch, das ist ein Blick, den man sich im 21.Jahrhundert mit seinen drängenden globalen Problemen nicht leisten kann. Aber der Tellerrand ist eben sehr weit weg…