Die Championsleague, Afghanistan und die westlichen Werte

Die Championsleague, Afghanistan und die westlichen Werte

Viele seltsame Dinge geschehen auf der Welt und das Kaninchen Deutschland sitzt inzwischen vor der 3. Pandemiewelle der „Schlange“ Corona – gelähmt, und tut nix. Mein Kopf ist so voll wie leer und so hab` ich lange nichts geschrieben (auch wenig Lyrik etwa „Schwarze Vögel“ oder „Das Glas der Pandora„). Der zweite Coronafrühling – und zum zweiten Mal sind die Magnolienblüten erfroren.

Ich wundere mich immer, warum niemand auf die Idee kommt, so etwas wie eine Corona-Task-Force, einen Think-Tank ins Leben zu rufen? Also ein Gremium, welches sich dauerhaft mit der Krisenbekämpfung beschäftigt. Welches versucht, möglichst viele Aspekte der Auswirkung der Pandemie – medizinische, soziale, wirtschaftliche– zu betrachten und daraus so etwas wie eine vorrausschauende Strategie zur Bekämpfung entwickelt?! Das sich vorausschauend mit den nötigen rechtlichen und organisatorischen, ethischen und psychischen Fragen beschäftigt und mögliche Problemfelder vorwegnimmt und ausräumt und auf neu auftauchende Probleme regiert. Ist es nicht das, was die Menschen bräuchten? Warum eigentlich nicht? Ist es so aus der Zeit gefallen Handlungsoptionen zu entwerfen und ihre Folgen in verschiedenen Bereichen möglichst gut abzuschätzen? Gabs das schon mal in der Menschheitsgeschichte? Mir fällt nichts entsprechendes dazu ein.

Wenn ich jetzt so nachdenke? Ein paar Fäden wieder aufnehme…?

Die Viertelfinals in der Championsleague, sind gespielt, Bayern ist raus, Flick ist weg (einer der menschlichen Anker in dieser Mühle), Dortmund sowieso. Die Halbfinals stehen: Chelsea, Paris, Real Madrid und Manchester City, oder sollte man besser schreiben: Russischer Oligarch gegen den Emir von Katar und Real Madrid gegen Dubai? Und wann war das damals, als Real sein Trainingsgelänge für eine halbe Milliarde Euro verkaufen konnte (auch mit Hilfe von EU-Geldern) und wie war das mit den Steuerschulden, die der spanische Staat nie eintreiben wird, weil Real wichtig für das Wohlbefinden des spanischen Bürgers ist?! Financial fairplay?  Und Roman Abramowitsch? Sollte es uns nicht freuen, wenn ein russischer Oligarch (was für ein unangenehmes Wort) sein sauer verdientes Geld in ein Hobby steckt um etwas Entspannung und Anerkennung zu finden?! Ich habe gehört, dass er seinerzeit immer der erste und letzte im Büro war und jede Milliarde im Schweiße seines Angesichts…! Oder der Emir von Katar, ein hart arbeitender, frommer Mensch, ein guter Muslim, der ansonsten noch mehr Milliarden in die Förderung des Islamismus stecken müsste? Dann doch lieber Paris, Fußball WM, Handball WM (war schon). Und die vielen toten Arbeiter? Ja mein Gott, keiner hat sie gezwungen nach Katar zu gehen. In dem Zusammenhang fällt mir die Meldung von dem Syrer ein, der in Dresden ein schwules Pärchen niedergestochen hat, weil diese ja Sünder seien. Er sagte aus, er sei sich dann doch zu unsicher gewesen (um auch den zweiten ganz zu töten und selber Märtyrer zu werden), er hätte zuvor beim Islamischen Staat nachfragen sollen – oder beim Emir von Katar, der kennt sich damit sicher auch aus. Naja, ist es besser, wenn man sich die Saudis anschaut, die ihr Geld aus dem Sport raushalten und dafür mehr in die wahhabitische Missionierung setzten, zum Beispiel von jungen afghanischen Flüchtlingen in Pakistan.

Ich höre jetzt auf, mich kotzt der heutige internationale Fussballbetrieb nur noch an (man verzeihe mir den Ausdruck) und ich kann darüber nicht mehr anders als sarkastisch schreiben. Mich wundert es nur, dass so vielen Menschen auf dieser Welt diese Hintergründe offenbar vollkommen egal sind.

Wobei, ich freue mich immer noch, wenn der FC Bayern gewinnt. Warum eigentlich? Es ist irgendwie noch eine Prägung aus der Jugend – mein München, mein Verein, ein Teil meines Leben. Und wie hab` ich gelitten, als sie damals gegen den HSV untergingen oder gegen Aston Villa (aus Birmingham), eine damals völlig namenlose Mannschaft, den Europacup der Landesmeister verschenkten. Birmingham?!

Was ist schon Birmingham? Napalm Death, Judas Priest, Black Sabbath! Zu Black Sabbath hatte ich nie einen größeren Bezug – aber ansonsten?! Welch` wichtigen Teil meines Lebens habe ich Birmingham zu verdanken! Welchen Trost hat nicht zuletzt „Painkiller“ meiner verletzten Seele gespendet? Und wie sich die Kreise schließen! Wie ich merke, dass man an jemandem anderem, also etwa Birmingham, die anderen Seiten kennenlernen muss. Möglicherweise ist es sogar einen Besuch wert? Einen Besuch bei Freunden!

Die Amerikaner ziehen aus Afghanistan ab – und die Bundeswehr auch, die Taliban leider nicht. Für mich kein Grund zur Freude, ich denke, dass es für viele Afghanen, vor allen Mädchen und Frauen eine äußerst bedrohliche Perspektive darstellt. Und für jeden afghanischen Mann, der kein sunnitischer Islamist ist ebenfalls (etwa für einen schiitischen Hazara, oder einen Schwulen). Ich fürchte, dass der Rückzug in den nächsten Jahren wieder neue Flüchtlingswellen hervorbringen wird, und bei uns wieder die lästige Diskussion über die Aufnahme von Flüchtlingen und in der Folge wird es die Kräfte am rechten Rand stärken. Wird es unsere Gesellschaft weiter Spalten – und was bräuchten wir mehr als ein Bewusstsein für die Probleme unserer Gesellschaft um in der Zukunft zu bestehen?

Warum sehen so viele in der deutschen Gesellschaft hier nur das wohlverdiente Ende „imperialistischer Ambitionen“ des „Westens“. Warum sieht keiner die Ängste und das Leiden der Afghanen? Nein, die Taliban sind kein Volksaufstand, keine Freiheitskämpfer gegen westliche Bevormundung. Die Taliban sind ein Produkt des pakistanischen Geheimdiensts, geschaffen aus Flüchtlingen, die man aus islamistisch orientierten Koranschulen rekrutiert hat, die vor allem von Saudi-Arabien finanziert wurden. Wahhabitisch indoktriniert, alles bekämpfend, was ihrer engen Auffassung des Islam widerspricht. Sicher die Saudis und das pakistanische Militärregime sind Verbündete des Westens – das heißt aber nicht, dass sie hier nicht ihre eigenen Interessen verfolgen.

Womit wir beim „Westen“ sind. Ich bin ja in den 80er Jahren in links-ökologischen Kreisen sozialisiert worden. Für uns war damals die USA gleichzusetzen mit dem Ursprung alles Bösen auf der Welt (Kapitalismus, Imperialismus, Umweltzerstörung), der rücksichtslose Täter, den es zu bekämpfen galt, gegen den sich die restliche Welt zusammenschließen musste und zu schützen hatte. Natürlich, das Unglück ging historisch nicht (nur) von den USA aus, sondern vom Kolonialismus der imperialistischen westlichen Mächte, und vom faschistischen Deutschland, aber das war sowieso ein eigenes Kapitel. Mit der Zeit lernte ich, die Welt etwas differenzierter zu betrachten. Viele nichtwestliche Regime und Staaten sind historisch nicht nur Opfer sondern genauso Täter wie „der Westen“. Viele dieser Regime verfolgen ihre völlig eigenen Ziele ohne vom „Westen“ dazu genötigt zu werden, ich denke hier etwa an das syrische Regime, an Saudiarabien, an Russland unter Putin.

Ich nehme aber wahr, dass viele Menschen kaum willens sind, ihre überkommenen, liebgewonnen (?) Denkschemata aufzubrechen. Aber was ist denn eigentlich der „Westen“? Existiert er überhaupt (noch)? Ich halte das Problematische an diesen Denkschemen nicht nur, dass es uns hindert, wahrzunehmen, was an unseren Gesellschaften positiv und zu verteidigen ist – sondern dass das Vorurteil vom „bösen Westen“ oft wunderbar korreliert mit den unseligen Verschwörungstheorien, in denen einer Gruppe – den Reptiloiden, den Illuminaten, den Freimaurern, Bill Gates (ist keine Gruppe) oder dem Finanzkapital (= Juden) zugeschrieben wird, diese Welt nach ihrem Willen zu steuern, zu knechten. Und auch diejenigen können sich leicht hier wiederfinden, die, geschichtsvergessen und die deutsche Vergangenheit relativierend, Deutschland als nicht zum Westen gehörend betrachten und der Bundesrepublik ihr Existenzrecht absprechen (wie die „Eurasier“ und „Reichsbürger“)

Ich habe mich natürlich auch gefragt, für was denn der „Westen“ steht, was „westliche Werte“ sind? Für mich sind es Errungenschaften wie die Demokratie, die Betonung des Eigenwertes des Individuums, die Universalität wie die Betonung der Menschenrechte, die Freiheit des Individuums, des Denkens, der Kunst und nicht (nur) der Reichtum und der Konsum. Auch das Recht zur Teilhabe und der Kritik an der Gesellschaft. Für mich sind die zentralen Punkte, die ich für gut und richtig halte, die ich für sehr gefährdet halte und für die ich einstehen will! Im Prinzip sind es die Werte des Humanismus und der Aufklärung. Und diese sehe ich heute an vielen Fronten relativiert und angegriffen. Im Kern durch Rassisten, Islamisten, Antidemokraten. Das sind jedoch wenige, viel gefährlicher ist das weite fruchtbare, relativistische Feld derjenigen, die mit diesem Gedankengut, auch nur in Teilen sympathisieren. Das sind Menschen, die manche Menschen für weniger wertvoll als andere halten, etwa weil sie eine andere Hautfarbe oder eine andere Weltauffassung haben, die in der Krise mit der (angeblichen) Leistungsfähigkeit von autoritären Regimen sympathisieren, das sind diejenigen, die wissenschaftliche Forschung lächerlich machen (denn diese ist ein zentraler Pfeiler der Aufklärung), die unsere Regierung als „Merkel-Regime“ diffamieren. Es sind diejenigen, die demokratischen Institutionen und demokratischen Prozessen ihren Respekt verweigern. Denn eine humanistische Weltauffassung, die vom Eigenwert des menschlichen Individuums und der Gleichwertigkeit alles Menschen ausgeht ist grundlegend an eine demokratische Regierungsform gebunden. So eine Weltsicht schließt a priori jede Form von Diskriminierung auf Grund von Rasse, Geschlecht oder eines anderen unveränderlichen Merkmals aus. Sie schließt autoritäre und menschenverachtende Systeme aus, sie schließt Imperialismus und Kolonialismus aus. Sie fordert aber auch das Einstehen für diese Werte gegenüber allem was dem widerspricht und seien es vorgeschobene kulturelle oder religiöse Auffassungen.

Was hat nun Afghanistan von der westlichen Intervention? Nicht viel! Das Problem ist, dass „der Westen“ nie konsequent seine Werte verfolgt hat, dass er sie immer wieder seinen Machtinteressen (siehe die Geschichte des kalten Kriegs) und kommerziellen Interessen geopfert hat. Dass er bei der Zusammenarbeit mit zweifelhaften und/oder verbrecherischen Regimen diese Werte weder eingefordert noch sie glaubhaft vertreten hat, ja, sie regelmäßig verraten hat. Noch nicht einmal in der „urwestlichen“ Institution der EU, gegründet, um Nationalismus in Europa zu überwinden wird auf die eigenen Grundwerte irgendein Wert gelegt (Orban! Polen!). Das Problem ist, dass „der Westen“ überall auf der Welt jene im Stich lässt (etwa in Syrien oder Afghanistan) die diese „westlichen“ Werte vertreten und in einer offenen humanistischen Gesellschaft leben wollen. Die logische Konsequenz ist, dass inzwischen (fast) niemand mehr „den Westen“ und seine Werte für glaubwürdig oder verteidigungswürdig hält. Und damit sind wir wieder beim Zustand der Championsleague. Ich sehe aber nirgendwo eine akzeptable Alternative zu diesen Werten, für mich sind sie alternativlos, wachen wir endlich auf! Treten wir endlich für unsere Werte ein!

Wie gesagt, die Magnolienblüte ist erfroren, warten wir also auf die Kirschblüte, die Apfelblüte!

Nachtrag aus aktuellem Anlass:

Als ich den Text oben schrieb, wusste ich noch nichts von der Superleagueplänen an denen drei der erwähnten Clubs beteiligt sind/waren. Gott sei Dank ist diese Ausgeburt des ultimativen Kommerzes wieder vom Tisch. In der Süddeutschen Zeitung las ich dazu einen interessanten Artikel mit etwa folgendem Inhalt: Paris SG hat sich von vorneherein als einziger der erwähnten Clubs nicht beteiligt – und zwar, weil der Großteil des Geldes für die Superleague aus Saudiarabien kommen soll. Der Pariser Club wird jedoch aus Katar finanziert, welches mit Saudiarabien spinnefeind ist (Wahabismus vs. Muslimbrüder, hab ich schon mal geschrieben). Chelsea wäre dann abgesprungen, weil es ja vom russischen Oligarchen Abramovich abhängig ist, der wiederum auf das Wohlwollen des Herren Putin aus Leningrad angwiesen ist – und dieser wäre nicht erfreut gewesen, weil russische Clubs – mangels internationaler Attraktivität – nicht in die Superleague eingeladen worden wären. Manchester City, vom feingeistigen Herrn Guardiola trainiert, wird aus Dubai finanziert – und Dubai will weltoffen wirken (Oktoberfest 2021!) und hätte mit dem Nachbarn Saudiarabien als Sponsor der Superleague ein Imageproblem. Ein Witz?

Zu den „Werten des Westens“ habe ich gerade einen Artikel über die Reaktionen auf die aggressive chinesische Außenpolitik gelesen habe, die etwa den deutschen Parlamentarier Reinhard Bütikofer mit Sanktionen belegt, weil dieser es gewagt hat, die Einhaltung von Menschenrechten gegenüber den Uiguren zu forden. Und wie reagiert unsere Politik? Überhaupt nicht! Sie läßt nicht nur solche Menschen sondern auch andere westliche Staaten, wie Schweden, Kanada oder Australien, die von China aggressiv behandelt im Regen stehen. Und vergessen wir nicht Honkong! Es ist nur traurig – keinerlei Solidarität für Menschen und Staaten, die für Demokratie und Menschenrechte einstehen. Wie soll irgendwer auf der Welt „den Westen“ und seine Werte (die auch meine Werte sind) denn noch ernst nehmen, wenn man mit sich alles machen läßt und nicht einmal protestiert?

Gott sei Dank ist der Sultan vom Bosporus nicht so mächtig wie China, sonst ginge es dem Herrn Biden wohl ebenfalls sehr schlecht, der hat es nämlich gewagt, den Völkermord an den Armeniern klar als solchen zu bezeichnen. Wie kann er es wagen!?

 

 

2 Gedanken zu „Die Championsleague, Afghanistan und die westlichen Werte

  1. Christoph Gemander

    Ich habe mir die ersten Seiten durchgelesen, es ist schon sehr viel Text, es sind sehr viel Gedanken, wir vertreten unsere Werte, wir können sie aber nicht durchsetzen, dafür fehlt uns die Macht, hätten wir die Macht, dann hätten wir vielleicht nicht diese Werte, schließt das eine das andere aus? fast keiner will sich für die Werte des Westens opfern, Nawalny? ja der , aber was hat er eigentlich für Ansichten? er ist authorisiert durch seinen Mut, was passiert wenn er stirbt, nach all den Drohungen, nach Syrien, nach Ukraine etc. Ich bin ratlos, aber wir können uns austauschen, ja die Probleme sind diese Gedanken wert, alles Gute weitermachen Mich

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    1. adminmich_brg Beitragsautor

      Hallo Christoph,
      ich finde, es geht weniger um die Macht die Werte durchzusetzen als um den Willen. Ich finde, wir sind uns der Bedeutung und des Wertes dieser Werte nicht bewusst. Und ich denke – noch kostet es eigentlich wenig Mut für diese Werte einzustehen.

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